Alarmierende Befunde: Wie schlecht es vielen Kindern in Deutschland geht

Alarmierende Befunde: Wie schlecht es vielen Kindern in Deutschland geht

Der neue UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder 2025 zeichnet ein beunruhigendes Bild. In Deutschland wachsen weiterhin viel zu viele Kinder unter Bedingungen auf, die ihnen faire Chancen auf Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe verwehren. Mehr als eine Million von ihnen verfügen nicht einmal über die grundlegenden Voraussetzungen, um am Alltag ihrer Altersgenossen teilzuhaben. Sie leben in beengten Wohnungen, haben keinen ruhigen Platz für Hausaufgaben, können sich keine vollwertigen Mahlzeiten leisten oder bleiben von Freizeitaktivitäten ausgeschlossen. Damit entscheidet noch immer in hohem Maße die soziale Herkunft über die Zukunft eines Kindes.

UNICEF Deutschland warnt, dass diese Entwicklung die gesellschaftliche Spaltung vertieft. „In Deutschland bewegt sich zu wenig für Kinder“, sagt Georg Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. „Wer den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern will, muss jetzt gezielt in Kinder investieren – besonders in jene, die von Armut, Ausgrenzung oder fehlenden Chancen betroffen sind.“

Wachsende Ungleichheit und sinkende Bildungschancen

Der Bericht macht deutlich, dass die Kluft zwischen privilegierten und benachteiligten Kindern größer wird. Immer mehr Kinder können nicht altersgerecht lesen, und fast die Hälfte der Achtklässlerinnen und Achtklässler verfügt nur über rudimentäre digitale Fähigkeiten. Besonders betroffen sind Kinder aus finanziell schwachen Familien, die sich seltener gut unterstützt fühlen – weder von Eltern noch von Lehrkräften. Rund 62.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss.

Auch im internationalen Vergleich zeigt sich Deutschland zunehmend abgehängt. Während Länder wie Finnland, Norwegen oder sogar Portugal Kinderarmut erfolgreich eingedämmt haben, stagniert sie hierzulande seit Jahren auf hohem Niveau. Etwa 14 bis 15 Prozent der Kinder gelten als armutsgefährdet, rund 1,9 Millionen leben von Bürgergeld. Hinzu kommen Kinder aus Familien, die auf Asylbewerberleistungen angewiesen sind.

Wenn Armut den Alltag bestimmt

Mehr als eine Million Kinder in Deutschland gelten laut UNICEF als „depriviert“ – sie müssen auf Dinge verzichten, die für ein würdiges Leben selbstverständlich sein sollten. Dazu gehören warme Mahlzeiten, passende Kleidung, eine beheizte Wohnung oder Rückzugsräume zum Lernen. 44 Prozent der armutsgefährdeten Kinder leben in überbelegten Wohnungen, mindestens 130.000 Kinder sind wohnungslos und in kommunalen Unterkünften untergebracht.

Die Folgen dieser Lebensumstände ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Kinder aus armen Familien leiden häufiger unter Stress, Scham und sozialer Isolation. Sie beteiligen sich seltener am Vereinsleben oder kulturellen Angeboten, was langfristig ihre Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe schmälert.

Gesundheitlich und psychisch stark belastet

Besonders alarmierend ist die Entwicklung der gesundheitlichen Situation junger Menschen. Immer mehr Kinder und Jugendliche berichten von regelmäßigen körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafproblemen oder Erschöpfung. Der Anteil der Betroffenen ist zwischen 2014 und 2022 von 24 auf 40 Prozent gestiegen.

Auch die psychische Verfassung vieler Jugendlicher gibt Anlass zur Sorge. Zahlreiche Befragte schätzen ihre Lebenszufriedenheit als niedrig ein. Finanziell benachteiligte Mädchen erreichen mit einem Durchschnittswert von 51 Punkten kaum mehr als den Schwellenwert, der als Hinweis auf depressive Tendenzen gilt. Damit zeigt sich deutlich, wie eng materielle Not, psychische Belastung und gesellschaftliche Ausgrenzung miteinander verknüpft sind.

Fehlende Unterstützung im sozialen Umfeld

Neben materieller Not spielt auch das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle. Zwar fühlen sich viele Kinder grundsätzlich von ihren Familien unterstützt, doch fällt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. Nur gut die Hälfte der 15-jährigen Mädchen berichtet von hoher familiärer Unterstützung, während es in der Schweiz fast 70 Prozent sind. Noch geringer ist der Anteil bei der Unterstützung durch Lehrkräfte: Nur etwa ein Viertel der Jugendlichen fühlt sich von ihnen gut begleitet. Fehlende Bindungen und mangelnde Ermutigung wirken sich unmittelbar auf die Entwicklung und das Selbstwertgefühl der Kinder aus.

UNICEF fordert gezieltes Handeln

Angesichts dieser Befunde ruft UNICEF Bund, Länder und Gemeinden zu entschlossenem Handeln auf. Vorrangig müsse in besonders benachteiligte Kinder investiert und familiäre Ressourcen gestärkt werden. Dazu gehören der Ausbau des „Startchancenprogramms“ an Schulen, vergleichbare Ansätze für Kindertagesstätten und ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Reduzierung von Kinderarmut.

„Armut wirkt sich auf wirklich alle Lebensbereiche von Kindern nachteilig aus“, betont Prof. Dr. Sabine Walper, Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, das den Bericht erstellt hat. „Nur wenn wir die Strukturen nachhaltig verändern, können alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft – faire Chancen auf ein gutes Aufwachsen haben.“

Ein Auftrag an die Gesellschaft

Der UNICEF-Bericht „Eine Perspektive für jedes Kind“ verdeutlicht: Kinderarmut ist in Deutschland kein Randthema, sondern eine dauerhafte gesellschaftliche Realität. Sie beeinträchtigt Bildung, Gesundheit, Beziehungen und Zukunftschancen ganzer Generationen. Die Verantwortung liegt nicht allein bei der Politik – auch die Gesellschaft muss sensibler werden für die Lebenslagen der Jüngsten. Denn eine gute Kindheit darf, wie UNICEF mahnt, kein bloßes Lippenbekenntnis bleiben.

Mark Petersen