Schwarz verschleiert – warum manche muslimische Frauen nur mit Sehschlitz zu sehen sind
Wenn man durch Riad, Mekka oder manche Viertel in Dubai geht, sieht man sie überall: Frauen in tiefschwarzen Gewändern, das Gesicht fast vollständig verhüllt, nur die Augen sichtbar. Für viele westliche Beobachter wirkt dieses Bild wie ein Symbol für Unterdrückung – doch die Wahrheit ist komplexer, verwobener mit Geschichte, Religion, Kultur und Identität.
Der Islam selbst schreibt Frauen keine schwarze Kleidung und keinen Gesichtsschleier vor. Im Koran finden sich nur zwei Verse, die das Thema Berührungspunkte haben. Sie fordern die Gläubigen auf, sich züchtig zu kleiden und ihre Reize nicht offen zu zeigen. „Sie sollen ihre Tücher über den Busen ziehen“, heißt es in Sure 24, Vers 31, während Sure 33, Vers 59 Frauen rät, ihre Überwürfe über sich zu legen, damit sie als gläubig erkannt und nicht belästigt werden. Wie diese Verse zu verstehen sind, ist seit Jahrhunderten Gegenstand religiöser Auslegung. Manche Gelehrte lesen darin lediglich einen Appell zur Bescheidenheit, andere sehen darin die Verpflichtung, alles außer den Augen zu verhüllen.
Dass daraus in einigen Ländern der Niqab – ein schwarzer Gesichtsschleier mit Sehschlitz – wurde, ist weniger eine Frage der Religion als vielmehr eine der Kultur. In den Wüstenregionen der Arabischen Halbinsel galt Schwarz als würdevoll, schlicht und vor allem blickdicht. Frauen aus wohlhabenden Familien trugen den Niqab oft als Zeichen von Anstand und gesellschaftlichem Rang. Mit der Zeit wurde diese Tradition zu einer Norm, die kaum noch hinterfragt wurde. In Saudi-Arabien oder im Jemen etwa ist das Schwarz bis heute eine Art Uniform weiblicher Respektabilität.
Anderswo, in Marokko, Indonesien oder im Iran, tragen Frauen dagegen farbige Tücher, Chadors oder lange Mäntel. Dort ist der Gesichtsschleier selten oder gar unüblich. Der Islam ist keine einheitliche Religion, sondern ein Mosaik unterschiedlicher kultureller Prägungen, die sich in Kleidung, Sprache und Alltagsritualen widerspiegeln.
Wo der Staat konservative religiöse Auslegungen durchsetzt – wie es etwa die saudische Religionspolizei lange tat oder wie es unter den Taliban in Afghanistan geschieht – wird das Tragen des Niqab zur Pflicht. Doch auch dort, wo Frauen ihn freiwillig tragen, ist er oft Ausdruck einer tiefen persönlichen oder familiären Überzeugung, ein Zeichen von Schamhaftigkeit, Identität oder Glauben.
Der schwarze Schleier ist also kein Dogma, sondern ein Symbol, das viele Bedeutungen trägt: Schutz, Tradition, Zugehörigkeit, manchmal auch Protest. Und während er für manche Frauen Einschränkung bedeutet, ist er für andere ein Stück Freiheit – die Freiheit, selbst zu entscheiden, was sie von sich preisgeben und was sie verbergen wollen.
