Warum Dänemark Obdachlosigkeit senkt und Deutschland sie wachsen lässt
Obdachlosigkeit ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, rechtlicher Prioritäten und eines Wohnungsmarktes, der entweder entlastet oder überfordert wird. Der Vergleich zwischen Dänemark und Deutschland zeigt das besonders deutlich: Während Dänemark seit Jahren einen Rückgang der chronischen Obdachlosigkeit verzeichnet, steigen die Zahlen in Deutschland weiter an.
Dänemark hat sich früh entschieden, Obdachlosigkeit nicht zu verwalten, sondern zu beenden. Kern dieser Strategie ist Housing First: Menschen bekommen zuerst eine eigene Wohnung, ohne Vorbedingungen. Erst danach folgen soziale, medizinische oder therapeutische Angebote. Diese Logik bricht bewusst mit dem alten Stufenmodell aus Notunterkunft, Übergangsheim und irgendwann vielleicht eigener Wohnung. Die Wirkung ist belegt: Gerade Langzeitobdachlosigkeit geht zurück.
Begleitet wird diese Politik durch öffentliche Sichtbarkeit. Rund um den 17. Oktober, den internationalen Tag zur Beseitigung der Armut, macht Dänemark Obdachlosigkeit gezielt zum Thema. Dieser „Tag der Obdachlosen“ ist kein symbolischer Gedenktag, sondern Teil einer politischen Kultur, die Zahlen offenlegt, Verantwortung benennt und Kommunen unter Druck setzt. Der Tag allein löst nichts – aber er hält den politischen Fokus dort, wo er sonst gerne verloren geht.
In Deutschland ist die Lage grundlegend anders. Die Zahl wohnungsloser Menschen steigt seit Jahren, ebenso die Zahl derjenigen, die tatsächlich auf der Straße leben. Notunterkünfte werden zur Dauerlösung, Übergangssysteme verfestigen sich, und bezahlbarer Wohnraum fehlt nahezu überall. Housing First existiert zwar, aber meist nur als Modellprojekt, nicht als Regelsystem.
In diesem Kontext kommt eine weitere Dimension hinzu, die in der öffentlichen Debatte oft verkürzt, aber nicht völlig grundlos angesprochen wird: die Frage der Priorisierung von Wohnraum für Flüchtlinge. In Deutschland haben anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte einen klaren Rechtsanspruch auf Unterbringung. Der Staat darf sie nicht obdachlos lassen. Kommunen greifen dafür auf Sozialwohnungen, Belegungsrechte oder angemieteten Wohnraum zurück.
Für andere Gruppen – etwa alleinstehende deutsche Wohnungslose – existiert ein solcher einklagbarer Anspruch oft nicht in gleicher Form. Das führt lokal tatsächlich zu Spannungen, insbesondere in Städten mit extrem angespanntem Wohnungsmarkt. Entscheidend ist jedoch: Der Konflikt entsteht nicht durch Bevorzugung, sondern durch Knappheit. Wo Wohnungen fehlen, geraten Gruppen zwangsläufig in Konkurrenz – unabhängig von Herkunft oder Status.
Dänemark ist auch hier anders aufgestellt. Das Land verfolgt seit Jahren eine sehr restriktive Asyl- und Zuzugspolitik. Anerkannte Geflüchtete werden stark auf Kommunen verteilt, häufig außerhalb der großen Städte, und stehen unter hohem Druck, schnell eigenständig zu werden. Gleichzeitig gilt Housing First als Standardinstrument für einheimische Wohnungslose. Dadurch entsteht seltener die Situation, dass zwei hoch vulnerable Gruppen um denselben knappen Wohnraum konkurrieren.
Der Unterschied liegt also nicht primär darin, wer Vorrang hat, sondern wie das System gebaut ist.
Deutschland reagiert häufig situativ: erst unterbringen, dann verwalten, dann improvisieren.
Dänemark agiert strukturell: Obdachlosigkeit beenden, Zuzug begrenzen, Wohnraum gezielt zuweisen.
Das macht den Vergleich unbequem. Denn er zeigt: Steigende Obdachlosigkeit ist keine zwangsläufige Begleiterscheinung moderner Gesellschaften. Sie ist das Resultat politischer Prioritäten. Solange Deutschland am Übergangssystem festhält und den Wohnungsmangel nicht offensiv angeht, werden Aktionstage und Appelle wenig ändern. Dänemark demonstriert, dass es anders geht – nicht durch Symbolik, sondern durch konsequente Entscheidungen.
