Von Delhi in den Ural: Russlands neuer Plan gegen die Leere am Arbeitsmarkt
Die wirtschaftliche Landkarte Eurasiens verschiebt sich derzeit in einem beispiellosen Tempo. Während Russland traditionell auf Arbeitskräfte aus den zentralasiatischen Nachbarstaaten setzte, hat sich das Blatt im Jahr 2026 gewendet. Ein massiver demografischer Wandel, befeuert durch die Mobilmachung und die Abwanderung hunderttausender eigener Staatsbürger, hat tiefe Lücken in die russische Industrie gerissen. Um den drohenden Stillstand abzuwenden, blickt der Kreml nun verstärkt nach Süden – direkt auf den indischen Subkontinent.
Was vor wenigen Jahren noch wie ein diplomatisches Experiment wirkte, ist mittlerweile gelebte Realität auf russischen Baustellen und in Fabrikhallen. Allein für das laufende Jahr wird mit der Ankunft von über 40.000 weiteren indischen Fachkräften gerechnet, während bereits rund 80.000 Inder fest in den russischen Arbeitsmarkt integriert sind. Besonders in den industriellen Zentren des Urals, wie etwa in der Region Swerdlowsk, sind die neuen Gastarbeiter händeringend willkommen. Sie füllen Positionen im Maschinenbau, in der Textilindustrie und zunehmend auch in hochspezialisierten Sektoren wie der Informationstechnik, in denen russische Experten zur Seltenheit geworden sind.
Hinter dieser Entwicklung steckt ein strategisches Kalkül beider Nationen. Ein im Dezember 2025 unterzeichnetes Mobilitätsabkommen zwischen Premierminister Narendra Modi und Präsident Wladimir Putin bildet das rechtliche Fundament für diesen Austausch. Indien profitiert von stabilen Überweisungen und einer Entlastung des eigenen, hochkompetitiven Arbeitsmarktes, während Russland seine Produktion in Zeiten wirtschaftlicher Isolation aufrechterhalten kann. Die Gehälter, die oft bei rund 1.000 US-Dollar pro Monat liegen, sind für viele indische Facharbeiter ein starker Anreiz, trotz der klimatischen und sprachlichen Hürden den Weg nach Norden zu wagen.
Doch der Weg ist nicht ohne Risiken. Die indische Regierung achtet mittlerweile penibel darauf, dass ihre Bürger ausschließlich in zivilen Berufen eingesetzt werden. Nach Berichten über unfreiwillige Rekrutierungen in der Vergangenheit haben neue Schutzmechanismen und strengere Kontrollen durch die Konsulate Priorität. Trotz der geopolitischen Spannungen und der Unwägbarkeiten des Krieges scheint die ökonomische Notwendigkeit die treibende Kraft zu sein, die zwei der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt auf dem Arbeitsmarkt so eng wie nie zuvor zusammenrücken lässt.
