Die Freiheit der erfundenen Wahrheit – warum Alkohol Seiten von uns zeigt, die wir nüchtern verstecken

Die Freiheit der erfundenen Wahrheit – warum Alkohol Seiten von uns zeigt, die wir nüchtern verstecken

Viele Menschen erleben es: Ein paar Gläser, und plötzlich öffnen sich Räume, die im nüchternen Alltag verschlossen bleiben. Gedanken wirken tiefer, Worte fließen freier, Gefühle treten deutlicher hervor. Manche erzählen dann Geschichten, die so nicht passiert sind, übertreiben, erfinden Details – und empfinden diese „Lügen“ paradoxerweise als einen Weg zurück zu sich selbst.

Doch was passiert da eigentlich? Warum fühlt sich das Ausgedachte plötzlich echter an als das, was wir sonst sagen?

Alkohol ist kein Schöpfer innerer Wahrheiten. Er ist ein Zensorenbrecher. Im normalen Alltag laufen alle Gedanken durch ein enges Raster aus Logik, Kontrolle und sozialer Vorsicht. Wir prüfen ständig: Ist das angemessen? Bin ich zu emotional? Wirke ich komisch? Darf ich das so sagen? Manche Menschen verbringen ihr halbes Leben damit, sich selbst zu filtern, bevor ein Wort überhaupt die Chance bekommt, ausgesprochen zu werden.

Mit Alkohol werden diese Schranken weicher. Nicht verschwunden, aber durchlässig. Und in dem Moment treten Gedanken und Gefühle hervor, die ohnehin schon in uns lagen, aber selten die Oberfläche erreichen. Sie kommen nicht immer in ihrer reinen, nüchternen Form – manchmal kleiden sie sich in Übertreibungen, Fantasien oder frei erfundene Geschichten. Doch genau darin liegt der Punkt: Die „Lüge“ ist nur das Gewand. Die Wahrheit steckt im Gefühl, das sie transportiert.

Wer im Rausch erzählt, er könne die Welt verändern, spürt vielleicht eine Sehnsucht nach Bedeutung. Wer dramatisierte Szenen beschreibt, zeigt oft unbewusst, wie sehr er sich nach Ausdruck und Resonanz sehnt. Und wer frei fabuliert, ohne inneren Richter und öffentlichen Maßstab, erlebt möglicherweise zum ersten Mal seit langem kreative, spontane Lebendigkeit.

Der Alkohol erzeugt diese Tiefe nicht. Er legt frei, was im nüchternen Zustand überdeckt ist.

Denn viele Menschen haben gelernt, ihre innere Welt klein zu halten. Manchmal aus Angst, kritisiert zu werden. Manchmal, weil sie funktionieren mussten. Manchmal, weil sie glauben, dass ihre Fantasie, ihre Emotionalität oder ihre Verletzlichkeit anderen zu viel wären. So wächst mit der Zeit eine innere Distanz: Das echte Selbst wird nicht verdrängt, aber es zieht sich zurück in Nebenräume, in die man nur noch versehentlich hineinstolpert.

Wenn Alkohol die Tür zu diesen Räumen öffnet, fühlt man sich plötzlich wieder ganz. So entsteht der Eindruck: „Ich entdecke mich wieder.“ In Wahrheit entdeckt man nur jene Anteile, die man im Alltag unterdrücken musste.

Doch hier liegt die große Chance: Wenn du spürst, dass in diesen Momenten ein echter Teil deiner Persönlichkeit aufblitzt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass dieser Teil nicht im Rausch bleiben muss. Er kann, langsam und achtsam, auch im nüchternen Leben mehr Raum bekommen – ohne Kontrollverlust, ohne Erfindungen, ohne die Notwendigkeit, dafür betrunken sein zu müssen.

Denn am Ende geht es nicht um Wahrheit oder Lüge, sondern darum, dass da eine Stimme in dir existiert, die gehört werden will. Eine Stimme, die Fantasie hat, Sehnsüchte, Tiefe, Mut und Ausdruckskraft. Sie spricht vielleicht in Bildern, Übertreibungen oder Geschichten – aber sie spricht. Und das bedeutet: Sie lebt.

Der Weg besteht darin, diese innere Stimme nüchtern ernst zu nehmen. Ihr Raum zu geben. Sie nicht zu korrigieren, sondern zu erkunden. Dann muss der Alkohol nichts mehr öffnen – weil die Tür von innen offen bleibt.

Mark Petersen