Deutschland im Umbruch – die Novemberrevolution und das Ende des Kaiserreichs

Im Herbst 1918 steht Deutschland vor einem gewaltigen Umbruch. Seit mehr als vier Jahren dauert der Erste Weltkrieg. Millionen Menschen sind gefallen, die Bevölkerung leidet unter Hunger und Entbehrungen, und militärisch ist der Krieg praktisch verloren. Trotzdem planen führende Offiziere der deutschen Marine noch einmal einen großen Einsatz der Hochseeflotte gegen die britische Royal Navy.

Für viele Matrosen ist das der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Oktober 1918 – Die Matrosen sagen Nein

Ende Oktober soll die deutsche Hochseeflotte noch einmal auslaufen. Ein letzter großer Kampf gegen die britische Flotte ist vorgesehen. Militärisch hätte dieser Einsatz die Niederlage Deutschlands kaum noch verhindern können. Viele Matrosen befürchten deshalb, für eine aussichtslose Aktion geopfert zu werden.

Sie verweigern Befehle.

Was zunächst wie eine Meuterei innerhalb der Marine aussieht, entwickelt schnell eine politische Sprengkraft. Nachdem Matrosen festgenommen worden sind, kommt es Anfang November in Kiel zu Demonstrationen und schließlich zum offenen Aufstand. Arbeiter schließen sich den Matrosen an. Arbeiter- und Soldatenräte entstehen, und innerhalb weniger Tage greift die revolutionäre Bewegung auf zahlreiche deutsche Städte über.

Plötzlich geht es längst nicht mehr nur um einen Marinebefehl. Die Monarchie selbst gerät ins Wanken.

9. November 1918 – Der Kaiser geht, die Republik kommt

Nur wenige Tage später erreicht die Revolution Berlin.

Am 9. November verkündet Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung Kaiser Wilhelms II. – ohne dass Wilhelm selbst zu diesem Zeitpunkt formell abgedankt hätte. Der Kaiser flieht kurz darauf in die Niederlande; seinen offiziellen Thronverzicht unterschreibt er erst am 28. November.

Doch politisch ist seine Herrschaft bereits am 9. November beendet.

Deutschland braucht nun eine neue Staatsform. Und darüber gibt es keineswegs Einigkeit.

Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann tritt am Nachmittag an ein Fenster beziehungsweise auf einen Balkon des Reichstags und ruft die Republik aus. Nur wenige Stunden später verkündet Karl Liebknecht eine „freie sozialistische Republik“.

Damit zeigt sich bereits ein Konflikt, der die kommenden Monate bestimmen wird: Deutschland soll keine Monarchie mehr sein – aber was soll an ihre Stelle treten?

Die gemäßigten Sozialdemokraten um Friedrich Ebert wollen eine parlamentarische Demokratie mit einem gewählten Parlament. Weiter links stehende Revolutionäre streben dagegen eine sozialistische Räterepublik an, in der Arbeiter- und Soldatenräte eine zentrale Rolle spielen.

Die Monarchie ist zusammengebrochen. Aber die Zukunft des Landes ist noch völlig offen.

11. November 1918 – Die Waffen schweigen

Nur zwei Tage nach der Ausrufung der Republik endet auch der Krieg.

Am 11. November 1918 wird in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne in Frankreich der Waffenstillstand unterzeichnet. Um 11 Uhr schweigen an der Westfront die Waffen.

Nach mehr als vier Jahren ist der Erste Weltkrieg vorbei.

Für Deutschland bedeutet das allerdings nicht nur Frieden. Die militärische Niederlage ist nun Realität. Deutsche Truppen müssen besetzte Gebiete räumen, Waffen und anderes Kriegsmaterial abgeben. Millionen Soldaten kehren in ein Land zurück, das politisch und wirtschaftlich völlig verändert ist.

Und noch ist nicht geklärt, welche Friedensbedingungen die Sieger Deutschland auferlegen werden.

Gleichzeitig entsteht ein Problem, das die junge Republik noch lange verfolgen wird: Viele Deutsche haben den Krieg nicht als sichtbare Niederlage auf deutschem Boden erlebt. Die Front war beim Waffenstillstand nicht tief nach Deutschland zurückgedrängt worden. Daraus entwickelt sich später die falsche, aber politisch äußerst wirkungsvolle Behauptung, das deutsche Heer sei eigentlich „im Felde unbesiegt“ gewesen und von Politikern in der Heimat verraten worden.

Diese sogenannte Dolchstoßlegende wird zu einer schweren Belastung für die neue Demokratie.

Januar 1919 – Revolution gegen Revolution

Nach dem Ende der Monarchie ist die entscheidende Frage noch immer ungeklärt: Welche Republik soll Deutschland werden?

Anfang Januar eskaliert der Konflikt in Berlin. Anhänger der USPD, der gerade gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands und revolutionäre Arbeiter gehen auf die Straße. Aus Demonstrationen entwickelt sich ein bewaffneter Aufstand.

Vom 5. bis zum 12. Januar kommt es zum sogenannten Januar- oder Spartakusaufstand.

Die Regierung unter Friedrich Ebert fürchtet, die Revolution könnte sich radikalisieren und Deutschland könnte sich ähnlich entwickeln wie Russland nach der bolschewistischen Revolution von 1917. Sie lässt den Aufstand deshalb mit Regierungstruppen und Freikorps niederschlagen.

In Berlin wird erbittert gekämpft. Barrikaden werden errichtet, Gebäude besetzt und schließlich gewaltsam zurückerobert. Zahlreiche Menschen sterben.

Wenige Tage später werden die kommunistischen Führungsfiguren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Angehörigen eines Freikorps ermordet.

Damit entsteht eine tiefe Wunde innerhalb der politischen Linken. Kommunisten und Sozialdemokraten stehen sich zunehmend feindlich gegenüber. Diese Spaltung wird die gesamte Geschichte der Weimarer Republik begleiten – und sie später im Kampf gegen die erstarkenden Nationalsozialisten erheblich schwächen.

19. Januar 1919 – Deutschland wählt

Nur eine Woche nach dem Ende der Berliner Kämpfe geschieht etwas, das für deutsche Verhältnisse geradezu revolutionär ist – diesmal allerdings an der Wahlurne.

Am 19. Januar 1919 findet die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt.

Sie ist die erste reichsweite allgemeine, gleiche, freie und geheime Wahl nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Und erstmals dürfen Frauen nicht nur wählen, sondern auch selbst für das Parlament kandidieren.

Das ist ein enormer gesellschaftlicher Schritt.

Noch bei der letzten Reichstagswahl des Kaiserreichs im Jahr 1912 waren sämtliche Frauen von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen gewesen. Jetzt besitzen Frauen und Männer grundsätzlich das gleiche Wahlrecht. Das Wahlalter wird zudem von 25 auf 20 Jahre gesenkt.

Die Beteiligung ist gewaltig: Mehr als acht von zehn Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab.

Weil die Lage in Berlin weiterhin unsicher ist, tritt die gewählte Nationalversammlung nicht dort zusammen, sondern in Weimar. Die Stadt gibt der neuen Epoche schließlich ihren Namen: Weimarer Republik.

Deutschland beginnt, sich eine demokratische Verfassung zu geben.

Doch während im Inneren eine neue politische Ordnung entsteht, wartet von außen bereits die nächste gewaltige Belastungsprobe.

28. Juni 1919 – Der Vertrag von Versailles

Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs haben in Paris über die Friedensbedingungen beraten. Deutschland durfte an den eigentlichen Verhandlungen nicht gleichberechtigt teilnehmen.

Als die Bedingungen bekannt werden, ist die Empörung in Deutschland enorm.

Deutschland muss Gebiete abtreten und verliert seine Kolonien. Die Armee wird stark verkleinert. Das Rheinland wird teilweise besetzt beziehungsweise entmilitarisiert. Deutschland muss Reparationen leisten, also Entschädigungen für die durch den Krieg verursachten Schäden. Besonders erbittert reagieren viele Deutsche auf Artikel 231 des Vertrages, der Deutschland und seinen Verbündeten die Verantwortung für die durch den Krieg entstandenen Verluste und Schäden zuschreibt.

Die deutsche Regierung steht vor einer dramatischen Entscheidung: unterschreiben oder ablehnen.

Eine Ablehnung könnte die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen und eine weitere Besetzung Deutschlands bedeuten. Militärisch besitzt das Land kaum Möglichkeiten, sich erfolgreich dagegen zu wehren.

Schließlich gibt die Regierung nach.

Am 28. Juni 1919 unterzeichnen die deutschen Vertreter Hermann Müller und Johannes Bell im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles den Friedensvertrag.

Ausgerechnet dort, wo 1871 nach dem deutschen Sieg über Frankreich das Deutsche Kaiserreich ausgerufen worden war.

Für viele Deutsche wird Versailles zum Symbol einer als demütigend empfundenen Niederlage. Demokratische Politiker tragen nun die Verantwortung für einen Vertrag, dessen Bedingungen sie selbst nicht ausgehandelt haben. Gegner der Republik nutzen das geschickt aus und behaupten, die neue Demokratie habe Deutschland verraten.

Damit beginnt die Weimarer Republik unter denkbar schwierigen Voraussetzungen.

Innerhalb von nur acht Monaten hat sich Deutschland grundlegend verändert. Im Oktober 1918 existiert noch das Kaiserreich und deutsche Soldaten kämpfen im Ersten Weltkrieg. Im Juni 1919 ist der Kaiser fort, der Krieg verloren, Deutschland eine Republik, Frauen besitzen das Wahlrecht und eine demokratisch gewählte Nationalversammlung arbeitet an einer neuen Verfassung.

Es ist ein erstaunlich schneller politischer Wandel – aber kein friedlicher Neubeginn.

Die junge Demokratie entsteht aus Krieg, Revolution und Straßenkämpfen. Sozialdemokraten und Kommunisten sind tief zerstritten. Viele Konservative lehnen die Republik grundsätzlich ab. Millionen Menschen müssen die Niederlage im Krieg verarbeiten. Und mit dem Versailler Vertrag erhält die neue Staatsordnung eine schwere politische und wirtschaftliche Hypothek.

Die Republik ist also noch nicht einmal richtig eingerichtet, da muss sie bereits um Vertrauen und Akzeptanz kämpfen.

Und genau das wird eines ihrer großen Probleme bleiben.