Das Rätsel aus den Sternen – das Wow!-Signal von 1977
Es war ein heißer Sommerabend im Jahr 1977, als der Astronom Jerry R. Ehman in der Datenflut des „Big Ear“-Radioteleskops auf eine Zahlensequenz stieß, die ihm den Atem stocken ließ. Sie war so ungewöhnlich, so präzise, dass er sie mit einem einzigen Wort kommentierte: „Wow!“. Dieses handschriftliche Ausrufezeichen, hastig auf einen Computerausdruck gekritzelt, gab dem mysteriösen Radiosignal seinen Namen – und sollte eines der größten ungelösten Rätsel der modernen Astronomie begründen.
Das Signal wurde am 15. August 1977 empfangen, aus einer Richtung im Sternbild Schütze, nahe dem Kugelsternhaufen M55. Es war kein Rauschen, keine zufällige Störung, sondern eine klare, starke Welle bei genau 1420 Megahertz – jener Frequenz, auf der Wasserstoffatome strahlen. Für Astronomen ist das eine Art „universelle Konstante“ des Kosmos, eine Frequenz, die jede fortgeschrittene Zivilisation kennen müsste. Wenn Außerirdische jemals ein Signal senden wollten, so die Überlegung, dann vermutlich genau dort.
Das Wow!-Signal dauerte 72 Sekunden, und das war genau so lange, wie das Teleskop denselben Himmelsabschnitt überstrich. Dann war es vorbei. Kein Nachhall, kein zweites Mal. Die Forscher überprüften ihre Daten, richteten das Teleskop später erneut auf die gleiche Stelle, aber sie hörten – nichts. Kein ähnliches Signal je wieder. Das machte es nur noch geheimnisvoller.
In den Jahren danach wurde das Wow!-Signal zu einem Prüfstein zwischen Wissenschaft und Fantasie. Manche Forscher vermuteten eine irdische Ursache, etwa ein Satellit oder eine Funkreflexion. Doch das Big Ear war so konstruiert, dass es solche Störungen normalerweise ausschloss. Andere sahen darin ein Zeichen einer fernen, intelligenten Quelle, eine kosmische Grußbotschaft, die zufällig unseren Planeten streifte. Der Gedanke faszinierte, weil er so unwahrscheinlich und doch nicht völlig unmöglich war.
Im Laufe der Jahrzehnte suchten Generationen von Astronomen nach Erklärungen. Sie fanden Kometen, die 1977 durch das betreffende Himmelsgebiet zogen und theoretisch Radioemissionen abgeben könnten. Doch die Intensität des Signals war dafür zu stark, die Frequenz zu exakt. Auch moderne Radioteleskope haben nie wieder etwas Vergleichbares empfangen. Das Wow!-Signal bleibt bis heute einzigartig – ein einzelner, klarer Puls in der Stille des Alls.
Vielleicht war es nur Zufall, ein natürlicher Prozess, den wir noch nicht verstehen. Vielleicht war es ein technisches Artefakt, das wir nie wieder erzeugen konnten. Oder vielleicht war es tatsächlich etwas, das für einen flüchtigen Moment die unvorstellbare Distanz zwischen zwei Welten überbrückte.
Das Wow!-Signal erinnert uns daran, dass wir, so sehr wir das Universum erforschen, noch immer lauschen wie Kinder an der Tür eines riesigen, dunklen Hauses. Vielleicht werden wir irgendwann wieder etwas hören – und vielleicht wird es diesmal mehr als ein einziges Wort auslösen. Bis dahin bleibt das „Wow!“ von 1977 ein leises Echo aus der Tiefe des Kosmos.
