Strompreis vor dem großen Wendepunkt? Warum viele Experten mit deutlich günstigeren Jahren rechnen

Die Stromrechnung gehört für viele Haushalte noch immer zu den größten laufenden Ausgaben. Nach den Energiekrisen der vergangenen Jahre hat sich bei vielen Menschen der Eindruck verfestigt, dass Strom dauerhaft teuer bleiben wird. Doch genau daran wachsen inzwischen Zweifel. Immer mehr Experten sehen Anzeichen dafür, dass wir uns am Beginn einer Entwicklung befinden, die den Strommarkt grundlegend verändern könnte.

Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Schließlich zahlen Verbraucher heute vielerorts noch immer hohe Preise. Doch der eigentliche Strom ist längst nicht mehr der Hauptkostentreiber.

Windkraft- und Solaranlagen erzeugen Strom inzwischen so günstig wie nie zuvor. Gleichzeitig werden Batteriespeicher immer leistungsfähiger und preiswerter. Technisch gesehen entstehen die Voraussetzungen für ein Energiesystem, das deutlich kostengünstiger arbeiten kann als die bisherige Versorgung mit Kohle, Öl und Erdgas.

Warum kommt davon beim Verbraucher bisher so wenig an?

Die Antwort liegt in den gewaltigen Investitionen, die derzeit im Hintergrund stattfinden. Deutschland baut sein Stromnetz in einem Ausmaß aus, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr notwendig war. Neue Hochspannungsleitungen entstehen, Umspannwerke werden modernisiert und das gesamte Netz muss auf Millionen Solaranlagen, Wärmepumpen und Elektroautos vorbereitet werden. Diese Investitionen kosten viele Milliarden Euro – und werden über die Strompreise mitfinanziert.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: An der Strombörse bestimmt häufig noch das teuerste Kraftwerk den Preis. Selbst wenn Wind- und Solaranlagen einen Großteil des Stroms liefern, geben oftmals Gaskraftwerke den Marktpreis vor. Dadurch spiegeln sich die günstigen Erzeugungskosten erneuerbarer Energien bislang nur teilweise auf der Stromrechnung wider.

Auch Speicher spielen eine entscheidende Rolle. An sonnigen oder windreichen Tagen produziert Deutschland bereits heute zeitweise mehr Strom als benötigt wird. Weil noch nicht genügend Speicherkapazitäten vorhanden sind, kann dieser Überschuss jedoch nicht vollständig genutzt werden. Gleichzeitig müssen Reservekraftwerke jederzeit einsatzbereit sein, um die Versorgung auch während sogenannter Dunkelflauten sicherzustellen. Diese Absicherung verursacht zusätzliche Kosten.

Viele Fachleute betrachten die aktuelle Situation deshalb als Übergangsphase. Die Infrastruktur wird zunächst teuer aufgebaut, soll ihre Kosten aber über viele Jahrzehnte hinweg wieder einspielen. Je weiter Netze, Speicher und intelligente Steuerungssysteme ausgebaut werden, desto stärker könnte sich der Preisvorteil der günstigen Stromerzeugung bemerkbar machen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der Strompreis schon in den nächsten zwei Jahren dramatisch sinken wird. Kurzfristig sind eher moderate Entlastungen realistisch. Langfristig sehen viele Experten jedoch gute Chancen, dass Strom wieder spürbar günstiger wird als heute – vorausgesetzt, der Ausbau gelingt wie geplant und neue internationale Energiekrisen bleiben aus.

Dabei lohnt sich noch ein anderer Blickwinkel. Selbst wenn der Strompreis nicht spektakulär fällt, können die gesamten Energiekosten vieler Haushalte sinken. Wer mit einer Wärmepumpe heizt oder ein Elektroauto fährt, ersetzt teure fossile Brennstoffe durch Strom. Dadurch wird nicht nur das Heizen oder Fahren günstiger, sondern die Abhängigkeit von schwankenden Öl- und Gaspreisen nimmt ebenfalls ab.

Ob sich alle Prognosen erfüllen, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Fest steht jedoch: Die eigentliche Stromerzeugung wird kontinuierlich günstiger. Die hohen Kosten entstehen derzeit vor allem durch den Umbau des Energiesystems. Sobald diese Investitionen abgeschlossen sind und die neue Infrastruktur ihre Stärken ausspielen kann, könnte genau das eintreten, was heute für viele noch kaum vorstellbar erscheint: Dass die Energiewende nicht nur klimafreundlicher, sondern langfristig auch deutlich günstiger wird.