Die schwindende Macht der USA im Welthandel


Vom Handelsgiganten zum schleichenden Absteiger

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten die Vereinigten Staaten den Welthandel nahezu uneingeschränkt. 1948 lag ihr Anteil am globalen Warenhandel bei stolzen 22 %. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Bis 1960 fiel der Wert auf 15 %, 1994 lag er bei rund 12 %, und 2018 betrug der Anteil gerade noch etwa 9 %. Der einstige Handelsgigant ist längst nicht mehr der alleinige Taktgeber der Weltwirtschaft.

Exporte und Importe – ein Ungleichgewicht

Im reinen Warenhandel machen die USA heute rund 11 % der weltweiten Exporte aus, während sie zugleich etwa 16,6 % der weltweiten Importe auf sich vereinen. Damit sind sie nach wie vor die größte Importnation, doch die Schere zwischen Aus- und Einfuhren klafft weit auseinander. Dieses strukturelle Ungleichgewicht ist ein zentraler Grund für das chronische Haushaltsdefizit, das Washington seit Jahrzehnten begleitet.

Dienstleistungen halten die Quote

Etwas besser sieht das Bild aus, wenn man Dienstleistungen mit einbezieht. Laut Zahlen des Europäischen Rates entfielen 2023 etwa 13,5 % des globalen Handels mit Waren und Dienstleistungen auf die USA. Damit liegen sie gleichauf mit China, während die EU-27 mit 16,1 % knapp die Spitzenposition hält. Dienstleistungen – von Finanzmärkten über digitale Angebote bis hin zu Beratung – sind also entscheidend dafür, dass die US-Quote nicht noch deutlicher abstürzt.

Ein Riese mit brüchigen Fundamenten

Auch wenn die USA im absoluten Vergleich immer noch zu den drei größten Handelsnationen der Welt gehören, ist ihre Abhängigkeit vom Außenhandel deutlich geringer als etwa die der EU oder Chinas. Nur rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts entsteht durch Außenhandel. Das mag auf den ersten Blick wie ein Vorteil wirken, doch es zeigt auch, dass die US-Wirtschaft stark nach innen ausgerichtet ist und international an relativer Schlagkraft verliert.

Verpasste Lektionen in Europa

Gerade in Deutschland, lange Zeit Exportweltmeister, wird dieser Wandel noch immer nicht ernst genug genommen. Viele Politikerinnen und Politiker halten an einer fast romantischen Vorstellung transatlantischer Partnerschaft fest, während die Realität längst von ökonomischer Schieflage und einem wankenden Handelssystem geprägt ist. Wer weiterhin blind auf die USA setzt, riskiert, dass die eigene Wirtschaft ins Schleudern gerät.

Ein System auf Zeit

Das auf einer „wertebasierten Ordnung“ aufgebaute Finanz- und Handelssystem trägt bereits Risse. Es funktioniert nur so lange, wie es den Entscheidern gelingt, Vertrauen und Glauben daran künstlich aufrechtzuerhalten. Doch die Märkte sind gnadenlos: sobald die Illusion bröckelt, zeigt sich, dass die Spielregeln neu geschrieben werden.

Deutschland, das wie kaum ein anderes Land vom Export lebt, sollte hier besonders wachsam sein. Die Zeichen der Zeit sind klar erkennbar – man muss sie nur lesen wollen.