Ein neues Jalta? Wie Putin, Trump und Xi die Weltordnung verändern könnten – und warum Europa aufpassen muss


Drei Staatschefs, drei Weltmächte und möglicherweise eine neue geopolitische Ordnung: Wladimir Putin strebt offenbar ein Gipfeltreffen mit Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping an. Dabei könnte es um weit mehr gehen als um ein Ende des Ukrainekriegs. Im Raum steht die Vorstellung einer Welt, in der die Großmächte ihre Einflussbereiche untereinander aushandeln. Für die Ukraine wäre das gefährlich. Für Europa könnte es zu einer historischen Bewährungsprobe werden.

Es ist ein Gedanke, der an ein dunkles Kapitel der europäischen Geschichte erinnert: Die mächtigsten Staatschefs der Welt treffen sich und beraten darüber, wie die politische Landkarte künftig aussehen soll. Andere Länder, deren Schicksal dabei auf dem Spiel steht, sitzen nicht mit am Tisch.

Genau eine solche Vorstellung steht hinter Berichten über ein mögliches Gipfeltreffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping.

Nach Recherchen des Wall Street Journal soll Putin in einem solchen Treffen die Gelegenheit sehen, eine Konferenz nach dem Vorbild von Jalta einzuberufen. Ein ehemaliger russischer Geheimdienstmitarbeiter beschrieb demnach die Vorstellung, die Welt erneut in geopolitische Einflusszonen aufzuteilen.

Ob es tatsächlich zu einer solchen Konferenz kommt, ist bislang offen. Ebenso wenig ist belegt, dass Trump oder Xi eine solche Neuordnung unterstützen. Doch bereits der Vorschlag wirft eine grundsätzliche Frage auf: Stehen wir vor einer Entwicklung, in der nicht mehr internationale Regeln, sondern zunehmend die Interessen einzelner Großmächte über die Zukunft anderer Staaten entscheiden?

Die historische Erinnerung an Jalta

Im Februar 1945 trafen sich US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Machthaber Josef Stalin auf der Krim. Der Zweite Weltkrieg näherte sich seinem Ende, und die drei Staatschefs verhandelten über die Nachkriegsordnung Europas.

Die Konferenz von Jalta wurde zum Symbol einer Politik, bei der Großmächte über die Zukunft ganzer Regionen entscheiden. Zwar wurde die spätere Teilung Europas nicht allein in Jalta beschlossen, doch die anschließende Entwicklung führte zu einer jahrzehntelangen Trennung des Kontinents in zwei Machtblöcke.

Heute, mehr als acht Jahrzehnte später, könnte Putin versuchen, an diese Vorstellung anzuknüpfen. Russland beansprucht seit Langem besondere Sicherheitsinteressen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Die Ukraine soll nach russischen Vorstellungen dauerhaft außerhalb der NATO bleiben und wesentliche Teile ihrer außenpolitischen und militärischen Entscheidungsfreiheit verlieren.

Ein neues Jalta würde aus russischer Sicht die Möglichkeit eröffnen, solche Forderungen nicht allein mit Kiew, sondern unmittelbar mit Washington und möglicherweise Peking zu verhandeln.

Die Ukraine könnte zum Verhandlungsobjekt werden

Für die Ukraine ist diese Vorstellung besonders brisant.

Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 kämpft das Land nicht nur um seine territoriale Integrität, sondern auch um das Recht, seine politische Zukunft selbst zu bestimmen.

Sollten Trump, Putin und Xi über eine neue Sicherheitsordnung verhandeln, könnte die Ukraine dabei zum Gegenstand eines umfassenderen geopolitischen Ausgleichs werden.

Russland könnte versuchen, die Anerkennung seiner territorialen Gewinne, eine dauerhafte Neutralität der Ukraine oder Einschränkungen ihrer militärischen Fähigkeiten durchzusetzen. Im Gegenzug könnte Moskau Zugeständnisse bei anderen internationalen Fragen anbieten.

Die USA wiederum verfügen über erhebliche Druckmittel. Amerikanische Waffenlieferungen, Geheimdienstinformationen und wirtschaftliche Unterstützung sind für die ukrainische Verteidigung von großer Bedeutung. Washington könnte diese Instrumente nutzen, um Verhandlungen zu beeinflussen.

Allerdings wäre eine Vereinbarung zwischen den Großmächten noch kein verbindlicher Friedensvertrag für die Ukraine. Ohne die Zustimmung Kiews ließe sich ein dauerhafter Frieden kaum verwirklichen.

Die ukrainische Regierung hat deshalb bereits deutlich gemacht, dass Verhandlungen über ihre Zukunft nicht ohne ihre Beteiligung stattfinden dürfen.

Die entscheidende Frage lautet: Wird die Ukraine künftig als souveräner Verhandlungspartner behandelt – oder als Teil eines größeren politischen Geschäfts?

Was will Donald Trump?

Bei Trump ist die Situation komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Der amerikanische Präsident hat wiederholt deutlich gemacht, dass er internationale Konflikte vorzugsweise durch direkte Verhandlungen lösen möchte. Große diplomatische Vereinbarungen zwischen Staatschefs entsprechen seinem politischen Stil.

Ein Treffen mit Putin und Xi könnte ihm die Gelegenheit bieten, sich als Vermittler zwischen den wichtigsten geopolitischen Rivalen zu präsentieren. Dabei könnten neben der Ukraine auch nukleare Abrüstung, Handelsbeziehungen und internationale Sicherheitsfragen eine Rolle spielen.

Trump hat seine Bereitschaft zu einem solchen Dreiertreffen signalisiert. Eine Zustimmung zu einer Neuaufteilung der Welt in Einflusszonen lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Dennoch entsteht ein grundsätzliches Problem: Wenn die USA beginnen sollten, ihre Beziehungen zu Russland und China stärker über direkte Absprachen zwischen den Staatschefs zu gestalten, könnten traditionelle Bündnisse und multilaterale Institutionen an Bedeutung verlieren.

Für Europa wäre das eine besonders schwierige Entwicklung. Denn die europäische Sicherheitsordnung beruht seit Jahrzehnten wesentlich auf der amerikanischen Schutzgarantie und der Zusammenarbeit innerhalb der NATO.

China sitzt in einer besonderen Position

China wäre bei einer solchen Konferenz weit mehr als ein zusätzlicher Teilnehmer.

Xi Jinping könnte das Treffen nutzen, um Chinas Anspruch auf eine gleichberechtigte Rolle bei der Gestaltung der internationalen Ordnung zu unterstreichen.

Peking verfolgt allerdings eigene Interessen, die keineswegs vollständig mit denen Russlands übereinstimmen.

China profitiert von seinen wirtschaftlichen Beziehungen zur Europäischen Union und zu den USA. Gleichzeitig unterhält es enge strategische Beziehungen zu Moskau. Eine internationale Ordnung, in der Großmächte ihre jeweiligen Einflussbereiche gegenseitig respektieren, könnte für China durchaus interessante Aspekte haben.

Dabei drängt sich insbesondere die Taiwanfrage auf.

Peking betrachtet Taiwan als Teil seines Staatsgebiets und schließt eine gewaltsame Vereinigung nicht aus. Die USA unterstützen dagegen Taiwans Verteidigungsfähigkeit.

Würde sich international die Vorstellung durchsetzen, dass Großmächte besondere Rechte innerhalb ihrer regionalen Einflussbereiche besitzen, könnte dies auch die politische Debatte über Taiwan verändern.

Allerdings gibt es bislang keine belastbaren Hinweise auf ein geplantes Tauschgeschäft zwischen Washington, Moskau und Peking. China hat sich zu einem konkreten Dreiertreffen bisher zurückhaltend geäußert.

Europa droht an den Rand gedrängt zu werden

Die vielleicht weitreichendste Frage betrifft Europa.

Die Europäische Union ist einer der größten Wirtschaftsräume der Welt. Sie verfügt über beträchtliche industrielle, technologische und finanzielle Ressourcen. Dennoch ist sie militärisch und sicherheitspolitisch weiterhin in erheblichem Umfang von den Vereinigten Staaten abhängig.

Ein Gipfeltreffen, bei dem über die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung gesprochen wird, ohne dass Europa selbst beteiligt ist, würde diese Abhängigkeit besonders deutlich machen.

Russland könnte versuchen, amerikanische Zugeständnisse bei der NATO-Osterweiterung, der Stationierung westlicher Streitkräfte oder der langfristigen Sicherheitsarchitektur Europas zu erreichen.

Für Länder wie Polen, Estland, Lettland und Litauen wären solche Verhandlungen von unmittelbarer Bedeutung. Sie betrachten die amerikanische Sicherheitsgarantie als wesentlichen Bestandteil ihrer Verteidigung.

Auch Deutschland wäre betroffen. Als wirtschaftlich und politisch bedeutender Staat innerhalb der EU und der NATO müsste es sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Europa seine Sicherheit gewährleisten kann, wenn amerikanische Interessen nicht mehr in allen Punkten mit europäischen Interessen übereinstimmen.

Dabei geht es nicht zwangsläufig um einen Rückzug der USA aus der NATO. Bereits eine politische Verständigung zwischen Washington und Moskau, die europäische Sicherheitsinteressen nur unzureichend berücksichtigt, könnte erhebliche Unsicherheit auslösen.

Europa müsste dann stärker als bisher eigene militärische Fähigkeiten entwickeln, seine außenpolitische Handlungsfähigkeit verbessern und gemeinsame Positionen gegenüber den Großmächten vertreten.

Eine Welt, in der Macht wieder wichtiger wird als Regeln?

Hinter dem möglichen Gipfeltreffen steht letztlich eine noch größere Entwicklung.

Die internationale Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte zumindest ihrem Anspruch nach auf dem Völkerrecht, der staatlichen Souveränität und dem Verbot gewaltsamer territorialer Eroberungen.

Diese Prinzipien wurden immer wieder verletzt, auch durch Großmächte. Dennoch bildeten sie einen wichtigen Maßstab für internationale Beziehungen.

Eine Rückkehr zu ausdrücklich vereinbarten Einflusszonen würde einen anderen Ansatz verfolgen: Staaten würden nicht allein als souveräne Akteure betrachtet, sondern teilweise als Bestandteile größerer geopolitischer Interessensphären.

Das wäre insbesondere für kleinere und mittlere Länder problematisch.

Allerdings ist die Welt von heute nicht mit der Situation von 1945 vergleichbar. Neben den USA, China und Russland existieren weitere bedeutende Akteure wie die Europäische Union, Indien, Japan und zahlreiche regionale Mächte.

Auch wirtschaftlich sind die Staaten wesentlich enger miteinander verflochten. Eine klare Aufteilung des Globus in drei voneinander getrennte Machtbereiche wäre deshalb weder einfach noch widerspruchsfrei.

Trotzdem könnte bereits der Versuch, eine solche Ordnung auszuhandeln, die internationalen Beziehungen nachhaltig verändern.

Europas eigentliche Gefahr ist nicht Jalta – sondern die eigene Abhängigkeit

Die Vorstellung, Putin, Trump und Xi könnten sich zusammensetzen und die Welt untereinander aufteilen, wirkt zunächst wie ein Rückfall in die Machtpolitik des vergangenen Jahrhunderts. Doch die eigentliche Gefahr liegt möglicherweise weniger in einer solchen Konferenz als in den politischen Verhältnissen, die sie überhaupt denkbar machen.

Russland versucht, seine Interessen mit militärischer Gewalt durchzusetzen. China baut seinen weltpolitischen Einfluss systematisch aus. Und die Vereinigten Staaten verfolgen unter Trump einen außenpolitischen Kurs, bei dem unmittelbare amerikanische Interessen und direkte Vereinbarungen eine besonders große Rolle spielen.

Europa hingegen besitzt zwar enorme wirtschaftliche Stärke, hat daraus aber noch keine vergleichbare gemeinsame außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit entwickelt.

Daraus ergibt sich eine unbequeme Schlussfolgerung: Europa könnte künftig nicht deshalb an Einfluss verlieren, weil andere Mächte zu stark geworden sind, sondern weil es selbst zu lange darauf vertraut hat, dass die Vereinigten Staaten seine Sicherheit und seine strategischen Interessen dauerhaft gewährleisten.

Ein neues Jalta ist bislang weder beschlossen noch unvermeidlich. Doch selbst wenn der geplante Dreiergipfel niemals stattfinden sollte, bleibt die dahinterstehende Herausforderung bestehen.

Europa muss in die Lage kommen, seine Interessen eigenständig zu vertreten und seine Sicherheit gemeinsam zu gewährleisten. Nicht als Gegner der USA, sondern als Partner, dessen Position nicht einfach übergangen werden kann.

Denn wer seine eigene Sicherheit nicht ausreichend gewährleisten kann, läuft Gefahr, dass andere darüber verhandeln.

Und das wäre die eigentliche historische Parallele zu Jalta.