Wann wird Weiterkämpfen gefährlicher als ein schlechter Frieden?

Der Krieg in der Ukraine erreicht möglicherweise einen Punkt, an dem eine unbequeme Frage wichtiger wird als die Frage nach Sieg oder Niederlage: Was kann die Ukraine durch weiteres Kämpfen noch erreichen – und welchen Preis wird sie dafür bezahlen müssen? Russland kann den Krieg bislang nicht entscheiden, die Ukraine aber ebenso wenig. Gleichzeitig werden die Waffen auf beiden Seiten leistungsfähiger, die Angriffe reichen immer tiefer ins Hinterland, und insbesondere die ukrainische Luftverteidigung gerät zunehmend unter Druck. Damit verändert sich die strategische Rechnung.

Die gefährliche Lücke über der Ukraine

Die Ukraine besitzt weiterhin eine leistungsfähige Luftverteidigung. Gegen viele Drohnen und Marschflugkörper erzielt sie noch immer hohe Abfangquoten. Doch ausgerechnet gegen die besonders schnellen und zerstörerischen ballistischen Raketen wird die Situation zunehmend kritisch. Bei dem schweren russischen Angriff auf Kiew am 20. August konnten nach ukrainischen Angaben zahlreiche Marschflugkörper und Drohnen abgefangen werden – die eingesetzten ballistischen Raketen dagegen nicht. Mindestens 16 Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben.

Ein wesentlicher Grund dafür ist der Mangel an geeigneten Abfangraketen. Vor allem das amerikanische Patriot-System gehört zu den wenigen Systemen, die der Ukraine eine realistische Möglichkeit geben, moderne ballistische Raketen abzufangen. Nach ukrainischen Angaben sind die Lieferungen entsprechender Interzeptoren 2026 auf ungefähr ein Drittel des Vorjahresniveaus gefallen. Gleichzeitig produziert Russland weiterhin große Mengen eigener Angriffsmittel.

Das ist mehr als ein vorübergehendes Versorgungsproblem. Eine Rakete, für die kein geeigneter Abfangkörper vorhanden ist, lässt sich nicht durch zusätzliche Soldaten oder größere Entschlossenheit aufhalten. Luftverteidigung ist ein industrieller Wettlauf – und derzeit sieht es zumindest in einem entscheidenden Bereich danach aus, als könne Russland mehr Angriffsmittel einsetzen, als die Ukraine abwehren kann.

Gleichzeitig wird die Ukraine für Russland gefährlicher

Das scheinbar Widersprüchliche an der gegenwärtigen Situation ist, dass die Ukraine militärisch keineswegs hilflos wird. Im Gegenteil: Ihre Fähigkeit, Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen, nimmt zu. Ukrainische Drohnen erreichen Raffinerien, Treibstofflager, militärische Anlagen und andere strategische Ziele weit entfernt von der Front. Bei einzelnen Angriffswellen werden inzwischen Hunderte Drohnen eingesetzt.

Damit entsteht eine ungewöhnliche Konstellation. Die Ukraine wird offensiv gefährlicher und gleichzeitig defensiv verwundbarer. Auch Russland muss immer größere Ressourcen für die Verteidigung seines Hinterlandes einsetzen, während die Ukraine immer größere Schwierigkeiten bekommt, ihre eigenen Städte und ihre Infrastruktur vollständig zu schützen.

Das ist jedoch nicht zwangsläufig ein Gleichgewicht. Russland besitzt wesentlich mehr Territorium, eine größere Bevölkerung und größere industrielle Ressourcen. Ein jahrelanger gegenseitiger Fernkrieg kann deshalb für die Ukraine eine andere Bedeutung haben als für Russland. Eine zerstörte Raffinerie in Russland ist ein schwerer wirtschaftlicher Schaden. Ein zerstörtes Kraftwerk, ein Wohnviertel oder ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der Ukraine kann für ein deutlich kleineres Land proportional schwerer wiegen.

Der technische Wettlauf hört nicht auf

Hinzu kommt eine Entwicklung, die bei der Diskussion über die Zukunft des Krieges häufig unterschätzt wird. Die Waffen werden nicht nur zahlreicher, sondern besser. Drohnen fliegen weiter, navigieren präziser und werden schwieriger zu stören. Raketen werden verbessert, elektronische Kriegsführung entwickelt sich weiter, künstliche Intelligenz spielt bei Aufklärung und Zielerfassung eine wachsende Rolle.

Auch technologische Vorteile der Ukraine müssen deshalb nicht dauerhaft bestehen. Starlink war dafür ein besonders wichtiges Beispiel. Das Satellitennetz von SpaceX verschaffte der Ukraine enorme Vorteile bei Kommunikation und Koordination. Russland arbeitet inzwischen jedoch an einem eigenen Satellitennetz namens Rassvet. Noch kann dieses System Starlink nicht ersetzen. Doch Russland plant einen massiven Ausbau in den kommenden Jahren.

Die Hoffnung, dass technologische Überlegenheit irgendwann automatisch zugunsten der Ukraine entscheidet, wird damit riskanter. Russland lernt ebenfalls aus diesem Krieg. Was heute noch ein ukrainischer Vorteil ist, kann in zwei Jahren wesentlich kleiner sein.

Was soll weiteres Kämpfen konkret erreichen?

Damit kommt man zu der vielleicht schwierigsten Frage überhaupt. Nicht: Wer hat diesen Krieg begonnen? Darüber besteht kaum Zweifel. Russland hat die Ukraine angegriffen. Auch nicht: Hat die Ukraine das Recht, sich zu verteidigen? Selbstverständlich hat sie dieses Recht.

Die strategische Frage lautet vielmehr: Was kann die Ukraine durch ein weiteres Jahr, zwei Jahre oder drei Jahre Krieg realistischerweise erreichen?

Wenn die Aussicht besteht, große Teile der besetzten Gebiete zurückzuerobern, kann weiteres Kämpfen trotz enormer Opfer militärisch rational sein. Wenn dagegen die Front weitgehend bestehen bleibt, während Städte, Kraftwerke, Unternehmen und Verkehrswege immer stärker zerstört werden und gleichzeitig Menschen sterben oder das Land verlassen, verändert sich die Rechnung.

Das ist eine ausgesprochen unangenehme Betrachtungsweise, weil sie Krieg beinahe wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung behandelt. Staaten müssen aber genau solche Rechnungen irgendwann anstellen. Die Tatsache, dass eine Sache gerecht ist, bedeutet nicht automatisch, dass jeder Preis sinnvoll ist, um sie durchzusetzen.

Warum „einfach aufhören“ trotzdem keine Lösung ist

Daraus folgt allerdings nicht, dass die Ukraine lediglich ihre Waffen niederlegen müsste. Das wäre kein Frieden. Es wäre eine einseitige Aufgabe der Verteidigung in der Hoffnung, dass Russland anschließend ebenfalls aufhört.

Für diese Hoffnung gibt es wenig belastbare Grundlage. Russland kontrolliert derzeit ungefähr ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebietes und verlangt weiterhin erhebliche politische und territoriale Zugeständnisse. Moskau erklärt zwar Gesprächsbereitschaft, verbindet diese aber ausdrücklich mit den „Realitäten vor Ort“. Die Vorstellungen beider Seiten über Territorium und zukünftige Sicherheitsgarantien liegen weiterhin weit auseinander.

Das eigentliche Problem lautet deshalb nicht Krieg oder Kapitulation. Zwischen diesen Extremen existiert eine dritte Möglichkeit: ein ausgehandeltes Einfrieren des Krieges.

Ein schlechter Frieden kann trotzdem die bessere Alternative sein

Ein solcher Waffenstillstand wäre für die Ukraine bitter. Die derzeit besetzten Gebiete könnten zunächst unter russischer Kontrolle bleiben, ohne dass die Ukraine sie völkerrechtlich als russisch anerkennen müsste. Millionen Ukrainer würden weiterhin in besetzten Gebieten leben. Russland könnte den Ausgang innenpolitisch als Erfolg darstellen.

Doch ein Waffenstillstand könnte gleichzeitig bedeuten, dass die Restukraine erhalten bleibt, ihre Wirtschaft wiederaufbauen kann, Menschen zurückkehren und Investitionen wieder möglich werden. Vor allem würde das tägliche Sterben zumindest weitgehend enden.

Entscheidend wären deshalb Sicherheitsgarantien. Ein Waffenstillstand ohne glaubwürdige Abschreckung könnte Russland lediglich einige Jahre Zeit geben, seine Streitkräfte wiederaufzubauen und anschließend erneut anzugreifen. Ein belastbares Abkommen müsste daher mit militärischer Unterstützung, langfristiger Aufrüstung der Ukraine, Überwachung der Waffenstillstandslinie und klar definierten Konsequenzen bei einem erneuten russischen Angriff verbunden werden.

Das wäre kein schöner Frieden. Wahrscheinlich wäre es nicht einmal ein wirklicher Frieden, sondern eher ein bewaffneter Stillstand.

Die entscheidende Rechnung verändert sich

Gerade die Krise der ukrainischen Luftverteidigung macht diese Diskussion dringlicher. Solange die Ukraine einen großen Teil der russischen Angriffe neutralisieren kann, lässt sich ein langer Krieg zumindest anders kalkulieren. Wenn Russland dagegen zunehmend in der Lage ist, ballistische Raketen auf ukrainische Städte und Infrastruktur abzufeuern, ohne dass genügend Abfangraketen vorhanden sind, verändert sich das Verhältnis zwischen militärischem Nutzen und gesellschaftlichen Kosten.

Dabei genügt es nicht, einfach mehr Geld bereitzustellen. Patriot-Abfangraketen müssen produziert werden. Produktionsanlagen lassen sich nicht beliebig schnell erweitern, während Russland gleichzeitig seine eigene Raketen- und Drohnenproduktion ausgebaut hat. Die entscheidende Ressource ist deshalb zunehmend nicht Geld, sondern industrielle Kapazität und Zeit.

Und Zeit ist keineswegs automatisch auf der Seite der Ukraine.

Vielleicht ist die falsche Frage, wer gewinnt

Seit Jahren wird gefragt, wer diesen Krieg gewinnen wird. Vielleicht wird diese Frage zunehmend weniger hilfreich. Denn es ist durchaus möglich, dass am Ende niemand einen klassischen Sieg erreicht. Russland könnte große Gebiete behalten, ohne die Ukraine unterwerfen zu können. Die Ukraine könnte als souveräner Staat bestehen bleiben, ohne ihre besetzten Gebiete militärisch zurückzuerobern.

Währenddessen entwickelt sich der Krieg technisch weiter. Russland beschießt ukrainische Städte, die Ukraine greift russische Infrastruktur an, beide Seiten bauen ihre Drohnen- und Raketenarsenale aus, und immer größere Gebiete hinter der eigentlichen Front werden Teil des Schlachtfeldes.

Deshalb sollte eine andere Frage stärker in den Mittelpunkt rücken: Wann wird Weiterkämpfen gefährlicher als ein schlechter Frieden?

Diese Frage zu stellen bedeutet nicht, Russlands Angriff zu rechtfertigen oder der Ukraine ihr Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Sie bedeutet vielmehr, nüchtern zu betrachten, welchen Zustand die Ukraine in einigen Jahren erreichen könnte, wenn der Krieg mit immer wirkungsvolleren Waffen weitergeführt wird.

Ein schlechter Waffenstillstand kann ungerecht sein. Er kann territoriale Verluste vorläufig festschreiben und viele Probleme ungelöst lassen. Aber wenn die Alternative ein jahrelanger technologischer Abnutzungskrieg ist, in dem die Fähigkeit zu zerstören schneller wächst als die Fähigkeit, sich vor dieser Zerstörung zu schützen, kann irgendwann ausgerechnet der unbefriedigende Frieden zur rationaleren Entscheidung werden.

Die schwierigste Frage lautet deshalb vielleicht längst nicht mehr, ob die Ukraine noch kämpfen kann. Sie lautet, was sie durch weiteres Kämpfen noch gewinnen kann – und was bis dahin von dem Land übrig bleibt, das sie verteidigt.