Werden unsere Demokratien abgeschafft – oder schaffen sie sich selbst ab?

Es ist ein beunruhigender Gedanke: Was, wenn die Krise der westlichen Demokratien gar nicht nur eine Ansammlung zufälliger Probleme ist? Russland versucht nachweislich, Gesellschaften im Westen zu destabilisieren. Autoritäre Staaten treten selbstbewusster auf. In den USA verschiebt Donald Trump Grenzen dessen, was man bislang für selbstverständlich demokratisch hielt. Gleichzeitig wächst in Europa die Unzufriedenheit mit Regierungen, Parteien und Institutionen. Da liegt die Vermutung nahe, hinter all dem könne ein großer Plan stehen.

Für einen solchen gemeinsamen Plan gibt es keine belastbaren Belege. Aber vielleicht braucht es ihn auch gar nicht. Denn gerade entsteht etwas, das mindestens ebenso gefährlich sein könnte: Verschiedene Entwicklungen greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig. Autoritäre Staaten haben ein Interesse an schwachen Demokratien. Populistische Politiker profitieren von enttäuschten Bürgern. Soziale Netzwerke belohnen Empörung und Polarisierung. Und die Demokratien selbst schaffen es immer weniger, ihren Bürgern zu vermitteln, dass ihr System Probleme tatsächlich lösen kann.

Die Demokratie befindet sich weltweit auf dem Rückzug

Dass dieser Eindruck nicht nur ein Gefühl ist, zeigen die Zahlen. Freedom House verzeichnet für 2025 bereits das zwanzigste Jahr in Folge, in dem Freiheit weltweit insgesamt zurückgegangen ist. In 54 Ländern verschlechterten sich politische Rechte und bürgerliche Freiheiten, während sich die Situation lediglich in 35 Ländern verbesserte. Nur noch 21 Prozent der Weltbevölkerung leben nach dieser Bewertung in Staaten, die als „frei“ gelten. Vor zwanzig Jahren waren es noch 46 Prozent.

Auch das V-Dem-Institut der Universität Göteborg beschreibt eine weltweite Autokratisierungswelle. Besonders bemerkenswert am Demokratiebericht 2026 ist, dass die Entwicklung längst nicht mehr nur junge oder instabile Demokratien betrifft. Sechs der zehn neu identifizierten Länder mit autokratisierenden Tendenzen liegen in Europa oder Nordamerika. Dazu zählen nach Einschätzung der Forscher inzwischen auch die USA, Italien und Großbritannien.

Das bedeutet nicht, dass diese Länder unmittelbar vor einer Diktatur stehen. Demokratie verschwindet heute häufig nicht mit einem Staatsstreich. Sie kann langsam ausgehöhlt werden. Gerichte verlieren Einfluss, Medien geraten unter politischen Druck, Kontrollorgane werden geschwächt, öffentliche Institutionen mit loyalen Gefolgsleuten besetzt und Regeln so verändert, dass die regierende Seite immer größere Vorteile erhält. Wahlen finden weiterhin statt. Das Gebäude steht noch – aber innen werden nach und nach tragende Wände entfernt.

Putin muss Europa nicht erobern

Für Russland wäre ein stabiles, geschlossenes und wirtschaftlich starkes Europa geopolitisch wesentlich unangenehmer als ein zerstrittenes. Moskau muss deshalb europäische Demokratien gar nicht abschaffen. Es reicht, wenn Europäer einander zunehmend misstrauen, Regierungen instabil werden, die Unterstützung für die Ukraine schwindet und die Europäische Union Schwierigkeiten bekommt, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.

Wie solche Einflussnahme funktionieren kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Polen. Russische Desinformation nutzt dort den realen historischen Konflikt zwischen Polen und der Ukraine über die Wolhynien-Massaker. Nach Angaben polnischer Experten nahm antiukrainischer Inhalt in sozialen Netzwerken zeitweise um mehr als 250 Prozent zu; Bots verstärkten entsprechende Botschaften zusätzlich. Russland bestreitet die Vorwürfe. Polnische Behörden und unabhängige Experten sehen dagegen eine gezielte Kampagne.

Auch Deutschland ist betroffen. Deutsche Sicherheitskreise berichteten Anfang August 2026 von verstärkten russischen Desinformationskampagnen im Vorfeld deutscher Landtagswahlen. Gefälschte Videos wurden dabei unter anderem mit den Logos bekannter Medien versehen. Ziel solcher Operationen ist nicht unbedingt, den Bürgern eine bestimmte Ideologie einzupflanzen. Viel wirkungsvoller ist etwas anderes: Misstrauen säen, politische Gegner diskreditieren und gesellschaftliche Konflikte verschärfen.

Das Prinzip ist verblüffend einfach. Man muss keine neue Wunde schlagen. Man sucht eine vorhandene – und sorgt dafür, dass sie sich entzündet.

Das eigentliche Material liefern wir selbst

Und genau hier beginnt der unangenehme Teil der Geschichte. Russland hat weder die europäischen Migrationsprobleme erfunden noch die hohen Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, wirtschaftliche Wachstumsschwäche oder überforderte Verwaltungen. Auch die politischen Auseinandersetzungen über Klima, Migration, Ukraine, soziale Gerechtigkeit oder nationale Identität sind real.

Eine ausländische Macht kann diese Konflikte verstärken. Aber sie kann sie nur deshalb verstärken, weil sie bereits vorhanden sind.

Wenn ein Bürger monatelang auf einen Behördentermin wartet, braucht es keinen russischen Geheimdienst, damit er sich über den Staat ärgert. Wenn Menschen trotz Arbeit Schwierigkeiten haben, eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist ihre Frustration echt. Wenn Regierungen jahrelang Reformen ankündigen und Bürger anschließend wenig Veränderung wahrnehmen, entsteht Misstrauen ganz von allein.

Genau darin liegt die Verwundbarkeit moderner Demokratien. Ihre Gegner müssen nicht beweisen, dass autoritäre Systeme besser funktionieren. Es genügt ihnen, wenn immer mehr Menschen glauben, dass die Demokratie nicht mehr funktioniert.

Trump verändert die amerikanische Frage

Und dann sind da die Vereinigten Staaten. Donald Trump ist nicht Wladimir Putin, und Amerika ist nicht Russland. Die USA verfügen weiterhin über Opposition, unabhängige Gerichte, Bundesstaaten mit erheblicher eigener Macht, Medien, eine aktive Zivilgesellschaft und regelmäßige Wahlen. Gerade deshalb sollte man mit vorschnellen Gleichsetzungen vorsichtig sein.

Doch ebenso falsch wäre es, die Entwicklungen in den USA als gewöhnlichen politischen Richtungswechsel abzutun. Freedom House senkte die Bewertung der Vereinigten Staaten für 2025 um drei Punkte und nennt unter anderem eine zunehmende Dominanz der Exekutive, Probleme bei der freien Meinungsäußerung und die Schwächung von Antikorruptionsmechanismen. Über zwanzig Jahre betrachtet haben die USA dort zwölf Punkte verloren.

Besonders aufschlussreich ist, dass das amerikanische System derzeit tatsächlich seine eigenen Sicherungen benutzen muss. Erst vor wenigen Tagen blockierte eine Bundesrichterin einen Teil einer Anordnung Trumps, mit der die Bundespost in die Abwicklung von Briefwahlen eingreifen sollte. Die Richterin stellte fest, dass die Exekutive dafür keine verfassungsmäßige Zuständigkeit besitzt.

Man kann darin zwei völlig unterschiedliche Geschichten sehen. Die pessimistische lautet: Ein Präsident versucht, die Grenzen seiner Macht immer weiter auszudehnen. Die optimistische lautet: Die Gewaltenteilung funktioniert und stoppt ihn.

Wahrscheinlich sind beide Beobachtungen gleichzeitig richtig.

Der starke Mann hat ein verführerisches Angebot

Warum gewinnen Politiker mit autoritären Tendenzen überhaupt Zustimmung? Die Antwort ist unangenehm, weil sie nicht nur etwas über diese Politiker aussagt, sondern auch über ihre Wähler.

Demokratie ist langsam. Sie produziert Kompromisse. Parlamente diskutieren, Gerichte stoppen Entscheidungen, Opposition blockiert Vorhaben, Koalitionspartner streiten, Interessengruppen verlangen Mitsprache. Das alles kann furchtbar ineffizient aussehen.

Ein autoritärer Politiker bietet dagegen etwas scheinbar Einfaches an: Schluss mit dem Gerede. Schluss mit den Blockaden. Gebt mir die Macht, dann löse ich das Problem.

Gerade in Krisenzeiten besitzt diese Botschaft enorme Attraktivität. Wer jahrelang erlebt, dass Probleme diskutiert, aber nicht gelöst werden, beginnt irgendwann möglicherweise nicht mehr die jeweilige Regierung infrage zu stellen, sondern das politische System selbst.

Und dann verändert sich eine entscheidende Frage. Statt „Welche Partei soll regieren?“ lautet sie plötzlich: „Brauchen wir überhaupt noch diese ganzen Parteien, Gerichte, Medien und komplizierten Verfahren?“

An diesem Punkt beginnt demokratische Erosion.

Niemand muss sich heimlich mit Putin treffen

Damit wird auch verständlich, warum es keinen großen geheimen Plan geben muss.

Putin kann ein Interesse an einem schwachen Europa haben. Trump kann aus ganz anderen Gründen Institutionen bekämpfen, die seine politische Macht begrenzen. Europäische populistische Parteien können von der Wut enttäuschter Bürger profitieren. Algorithmen sozialer Netzwerke können polarisierende Inhalte bevorzugen, weil Empörung Aufmerksamkeit erzeugt. Bürger können aus vollkommen nachvollziehbaren Gründen mit ihrer Regierung unzufrieden sein.

Keiner dieser Akteure muss mit den anderen einen gemeinsamen Plan vereinbart haben.

Und trotzdem können alle Entwicklungen in dieselbe Richtung wirken.

Das ist möglicherweise sogar gefährlicher als eine Verschwörung. Einen geheimen Plan könnte man aufdecken. Einen Verantwortlichen könnte man benennen. Eine sich selbst verstärkende gesellschaftliche Entwicklung dagegen besitzt keine Kommandozentrale, die man einfach ausschalten könnte.

Die gefährliche Spirale

Man kann sich diesen Prozess wie eine Rückkopplung vorstellen. Ein Staat löst Probleme nicht schnell genug. Die Bürger werden unzufriedener. Parteien an den politischen Rändern gewinnen Unterstützung. Gesellschaftliche Lager entfernen sich voneinander. Koalitionen und politische Mehrheiten werden schwieriger. Regierungen werden instabiler und ihre Entscheidungen vorsichtiger. Dadurch bleiben wiederum mehr Probleme ungelöst.

Die Unzufriedenheit steigt weiter.

In diese Spirale können ausländische Akteure eingreifen und sie beschleunigen. Sie müssen lediglich dafür sorgen, dass jede Seite die jeweils andere für noch gefährlicher hält. Der Rechte soll glauben, der Linke wolle sein Land zerstören. Der Linke soll überzeugt sein, der Rechte wolle die Demokratie beseitigen. Der Migrant soll glauben, die Mehrheitsgesellschaft lehne ihn grundsätzlich ab. Der Einheimische soll glauben, seine Regierung interessiere sich mehr für Migranten als für ihn.

Am Ende leben alle noch im selben Land – aber nicht mehr in derselben politischen Wirklichkeit.

Demokratie stirbt heute oft nicht in einer einzigen Nacht

Unser Bild vom Ende einer Demokratie ist stark vom 20. Jahrhundert geprägt. Panzer fahren vor Regierungsgebäuden auf. Soldaten besetzen Rundfunkstationen. Parlamente werden geschlossen. Eine neue Regierung verkündet den Ausnahmezustand.

Doch moderne Demokratien können sehr viel unspektakulärer sterben.

Eine Regierung gewinnt eine Wahl und verändert anschließend Regeln. Sie schwächt Kontrollinstitutionen, besetzt wichtige Positionen mit Loyalisten, delegitimiert kritische Medien, erschwert der Opposition ihre Arbeit und erklärt unabhängige Gerichte zu politischen Gegnern. Jeder einzelne Schritt kann technisch, juristisch oder sogar vorübergehend erscheinen.

Erst Jahre später erkennt man, dass sich das System verändert hat.

Die Forschung von V-Dem zeigt, wie ernst dieses Risiko ist. Unter den derzeit untersuchten Autokratisierungsprozessen waren 28 Staaten Demokratien, als der Abbau begann. In 15 dieser 28 Fälle ist die Demokratie inzwischen zusammengebrochen.

Das sollte alarmieren, ohne in Alarmismus zu verfallen.

Die entscheidende Schlacht findet nicht in Moskau statt

Wenn wir die europäischen Demokratien schützen wollen, reicht es deshalb nicht, russische Bots zu löschen und Desinformationsnetzwerke aufzudecken. Das ist notwendig, behandelt aber nur einen Teil des Problems.

Eine widerstandsfähige Demokratie braucht Bürger, die einen Grund haben, ihr zu vertrauen. Behörden müssen funktionieren. Infrastruktur muss funktionieren. Schulen müssen funktionieren. Migration muss politisch steuerbar erscheinen. Wirtschaftspolitik muss Perspektiven schaffen. Regierungen müssen Entscheidungen erklären und anschließend sichtbar umsetzen können. Und demokratische Parteien müssen miteinander streiten können, ohne ihren jeweiligen Gegner zum Feind zu erklären.

Demokratie kann nicht dauerhaft allein mit dem Argument verteidigt werden, dass die Alternative noch schlimmer wäre.

Sie muss zeigen, dass sie funktioniert.

Vielleicht ist genau das der Kampf unserer Zeit

Es gibt keinen überzeugenden Beleg dafür, dass irgendwo ein großer Masterplan liegt, nach dem Putin, Trump und andere Akteure gemeinsam die westlichen Demokratien beseitigen wollen.

Was wir beobachten können, ist jedoch real genug: Autoritäre Systeme sind selbstbewusster geworden. Russland versucht nachweislich, gesellschaftliche Konflikte in Demokratien auszunutzen. In einigen westlichen Staaten geraten Institutionen unter zunehmenden politischen Druck. Und gleichzeitig verlieren viele Bürger das Vertrauen darin, dass ihre demokratischen Regierungen die großen Probleme ihrer Zeit noch bewältigen können. Freedom House spricht inzwischen von zwanzig Jahren globalen Freiheitsverlusts; V-Dem sieht eine weltweite Autokratisierungswelle.

Vielleicht stellen wir deshalb die falsche Frage, wenn wir wissen wollen, wer unsere Demokratien abschaffen möchte.

Die wichtigere Frage lautet: Warum machen wir es ihren Gegnern so leicht?

Putin kann Europas Demokratien angreifen. Desinformation kann sie vergiften. Populisten können ihre Schwächen ausnutzen. Mächtige Politiker können versuchen, ihre Institutionen auszuhöhlen.

Aber die stärkste Verteidigung gegen all das wäre eine Demokratie, deren Bürger erleben, dass sie funktioniert.

Denn wahrscheinlich beginnt der gefährlichste Moment für eine Demokratie nicht dann, wenn ihre Feinde sie angreifen. Er beginnt dann, wenn ihre eigenen Bürger nicht mehr davon überzeugt sind, dass sie es wert ist, verteidigt zu werden.