Du wirst nichts besitzen – und glücklich sein?
Eine Zukunftsvision, die irritiert
Im Jahr 2016 erschien ein kurzer Artikel, der binnen weniger Tage um die Welt ging. Verfasst hatte ihn die dänische Politikerin Ida Auken, damals Mitglied des dänischen Parlaments, für das World Economic Forum. Sein Titel lautete: „Welcome to 2030. I own nothing, have no privacy, and life has never been better.“ – „Willkommen im Jahr 2030. Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre, und mein Leben war nie besser.“ Schon die Überschrift traf einen Nerv. Sie klang wie eine Prophezeiung, eine Mischung aus Heilsversprechen und Drohung. Millionen von Menschen nahmen sie wörtlich, als sei hier das neue Programm einer globalen Elite verkündet worden.
Doch Auken hatte etwas anderes im Sinn. Ihr Text war kein Manifest, sondern eine fiktive Zukunftserzählung, ein Gedankenexperiment über das, was möglich wäre, wenn Besitz in unserer Gesellschaft an Bedeutung verliert. Sie stellte sich eine Welt vor, in der Autos, Wohnungen, Werkzeuge und Geräte nicht mehr privat besessen, sondern geteilt werden. In dieser Zukunft ruft man ein Fahrzeug, wenn man eines braucht, mietet Kleidung für einen Anlass, leiht Werkzeuge nur für den Moment. Nichts muss repariert, gepflegt oder aufbewahrt werden. Alles ist jederzeit verfügbar, aber niemandem gehört es.
Das Versprechen der Bequemlichkeit
Die Vision, die Auken entwarf, hatte einen verführerischen Kern. Sie beschrieb eine Gesellschaft, in der der Zugang zu Dingen wichtiger ist als ihr Besitz. Energie, Transport und Kommunikation sind nahezu kostenlos. Niemand hat mehr Schulden, niemand hortet, niemand kämpft um Eigentum. Es ist eine Welt, in der Besitzlosigkeit mit Leichtigkeit verwechselt werden könnte – ein Leben ohne Ballast, ohne materielle Sorgen, ohne die ständige Angst, etwas zu verlieren.
Doch mitten in diese utopische Ruhe legte Auken einen Satz, der wie ein Riss durch das Bild geht: „I have no privacy.“ – „Ich habe keine Privatsphäre.“ Plötzlich kippt die Stimmung. Die Bequemlichkeit dieser Welt beruht auf einer totalen Vernetzung. Alles wird überwacht, jede Bewegung, jeder Konsum, jede Entscheidung. Wer nichts besitzt, wird selbst zum Produkt. Das Leben ist effizient, aber durchsichtig.
Zwischen Ideal und Kontrollverlust
Der Text wurde in den folgenden Jahren vielfach missverstanden. Zahlreiche Stimmen im Netz warfen dem World Economic Forum vor, die Abschaffung des Privateigentums zu propagieren. In Wahrheit wollte Auken eine Diskussion anstoßen. Ihre Schilderung war ein Experiment, kein Programm. Sie wollte zeigen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die alles teilt – und was sie dabei zu verlieren droht.
Die Vorstellung, Besitz abzuschaffen, ist nicht neu. Sie zieht sich durch die Geschichte: von den Kynikern der Antike über die Lehren des Buddha bis hin zur modernen Minimalismusbewegung. Doch in Aukens Version wird der alte Traum vom einfachen Leben in eine technologische Zukunft verlegt. Besitzlosigkeit entsteht nicht mehr aus innerer Freiheit, sondern aus digitaler Infrastruktur. Das Teilen ist nicht Ausdruck spiritueller Haltung, sondern Funktion eines Systems, das alles verfügbar macht – gegen Daten, gegen Einblick in unser Leben.
Was bleibt vom Glück ohne Eigentum?
Der Satz „You’ll own nothing and you’ll be happy“ wurde zu einem der meistzitierten der letzten Jahre. Er lässt sich sowohl als Versprechen wie als Warnung lesen. Wer nichts besitzt, ist frei von Verpflichtungen – aber auch abhängig von jenen, die den Zugang kontrollieren. Die Utopie der Entlastung kippt leicht in die Dystopie der Entmündigung.
Aukens Vision zwingt uns, über das Verhältnis zwischen Haben und Sein nachzudenken. Macht uns Eigentum wirklich glücklich, oder bindet es uns an eine Illusion von Sicherheit? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: Glück entsteht nicht aus Besitz, aber auch nicht aus seinem völligen Verzicht. Entscheidend ist, was wir behalten, was wir teilen und was wir loslassen.
In dieser Spannung liegt die eigentliche Kraft ihres Textes. Er beschreibt keine Zukunft, sondern hält uns einen Spiegel vor – und fragt, ob wir bereit sind, unsere Freiheit für Bequemlichkeit zu tauschen.
