Tschernobyl heute

Wer sich mit Google Streetview durch den nordukrainischen Ort Tschernobyl bewegt, stellt mit Erstaunen fest, dass da doch tatsächlich Leute rumlaufen. Ja, sind die denn alle verstrahlt? Tatsächlich gibt es in dieser vermeintlichen Geisterstadt ca. 400 Einwohner, wobei es bis 1986 14.000 waren. Heute wohnen da zumeist neben Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleuten, Forscher und Wissenschaftler.

Erst wenn man sich im Streetview weiter nach Norden bzw. Nordwest bewegen will, stößt man an unsichtbare Grenzen. Die Straße führt zwar weiter, aber das Google-Auto hat seinen Weg Richtung AKW-Ruine nicht fortgesetzt. Hier beginnt die innere Sperrzone, in dessen Zentrum sich direkt neben dem Unglücks-Meiler der Ort Prypjat befindet, in dem die meißten Arbeiter des Kraftwerks ihr Zuhause hatten.

Dieser Ort ist dann auch wirklich nicht mehr bewohnbar. Viel zu hoch ist hier die Strahlenbelastung.
Bei der großen Evakuierung im April 1986 ließen ca. 50.000 Menschen alles stehen und liegen, in dem Glauben, dass sie bald wieder zurückkehren werden, und wenn man sich die befremdlich wirkenden Bilder vom heutigen Prypjat anschaut, erkennt man auch einen Vergnügungspark mit Autoscooter und Riesenrad. Der befand sich damals kurz vor der Eröffnung. Aber dann kam der Supergau.

Wäre es nicht zu dieser schlimmen Katastrophe gekommen, hätten sie das AKW sogar noch erweitert, und Prypjat wäre am Ende auf 80.000 Einwohner gekommen.

Aber so ganz ausgestorben ist Prypjat dann doch nicht. Immer wieder verirren sich Touristen mit laut knackenden Geigerzählern hier her, denn es werden Tagestouren für sie organisiert, meist vom 70 Km entfernten Kiew aus. Dabei erhalten sie sogar Zutritt in die AKW-Ruine.

Im Internet finden sich Erfahrungsberichte, die u.a. wiedergeben, dass es im Sperrgebiet in der Natur nur so wimmelt von riesigen Pilzen aller Art, die da farbenfroh aus dem Boden sprießen, und eine Untersuchung zeigte jüngst, dass viele Vögel dort gesünder sind und über besseres Erbgut mit weniger Defekten verfügen, als deren Artgenossen, die keiner Tschernobyl-Strahlung ausgesetzt waren.

Trotzdem ist eher nicht davon auszugehen, dass sich auch bei denjenigen Menschen der Gesundheitszustand verbessert, die in der verstrahlten inneren Sperrzone das große Abenteuer suchen, bzw. eine organisierte Tagesfahrt mitmachen. Möglicherweise wächst denen irgendwann noch ein elfter Zeh, oder sie bringen später einen damals von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung besungenen „Burli“ zur Welt.

Mich jedenfalls könnte man selbst mit Freikarten nicht ins dieses Gebiet locken…