Jelzin – Russlands torkelnder Präsident

Erinnert ihr euch noch an die Neunziger Jahre? Tamagochis waren In, die Handys kamen auf, James Cameron ließ in seinem Blockbuster die Titanic noch einmal krachend in den Wogen des Atlantiks versinken, die Love-Parade in Berlin sorgte für kollektiven Drogenrausch bei beschwingter Techno-Mukke – und es herrschte Angstfreiheit, denn der bevorstehende Dritte Weltkrieg schien passe, weil es die böse Sowjetunion, die uns so lange bedrohte plötzlich nicht mehr gab.

Das riesige Reich im Osten zerfiel, und ein betrunkener dicker Mann, der jetzt Russland lenkte und Jelzin hieß, ließ zu, dass auf dem Roten Platz in Moskau die ersten Mc Donalds Filialen an den Start gingen, und nun auch sein Volk in den Genuss von Big Macs und Chicken Mc Nuggets kommen konnte. Keine Frage, dass der Andrang da zunächst riesengroß war.
Alle freuten sich, auch wir, denn wir wussten nun: Mit Jelzin kann uns nichts mehr passieren.

Der tokelte so über die Weltbühne, oder bei einem Staatsbesuch in den USA auch schon mal mitten in der Nacht in Unterhose so flink aus dem Weißen Haus, dass seine Leibwächter es nicht mitbekamen. Im nächsten Moment stand er dann auf der Pensylvania Avenue. Seine Ambition dabei: Er wollte Pizza essen.

Aber von vorne…

Das erste, demokratisch gewählte Staatsoberhaupt in der Geschichte Russlands hatte seine Amtszeit von 1991 bis 1999. Er war Sohn armer, russischer Bauern, studierte Bauingenieurswesen und wurde dann Manager einer Baufirma, bis Gorbatschow ihn in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre nach Moskau holen ließ, um ihn zum Parteichef zu machen. Dabei zeigte sich dann: Jelzin war als Reformer noch eifriger als Gorbatschow. Die Perestroika ging ihm gar nicht weit genug.

Als es am 19. August 1991 plötzlich einen großen Putsch gab in Moskau, schlug Jelzins große Stunde. Ich kann mich noch gut an die damaligen Fernsehbilder in den Nachrichten erinnern. Er stand auf einem Panzer und brüllte was in ein Megafon, das er fest in der Hand hielt.

Was war geschehen?

Eine Gruppe Aufständischer war auf den Roten Platz gestürmt, die sich selbst „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ nannte. Die waren erst unter Gorbatschow auf ihre Positionen gelangt, hatten sich zu Reformgegnern entwickelt, und wollten nun die Macht ergreifen. Ihre große Sorge war einfach, dass die Unionsstaaten vom Sowjetischen Reich abfallen. Sie bangten um den Kommunismus, dass der unter Gorbatschow nun sein Ende findet, und diese Sorge war ja auch gar nicht mal so unberechtigt. Es ist dann auch genau so geschehen.

Aber nun standen sie erstmal da, um lautstark zu verkünden, dass Präsident Gorbatshow, der gerade auf der Krim verweilte um dort Urlaub zu machen, überraschend erkrankt sei, und seine Ämter nicht mehr ausüben könne. Dann ernannten sie kurzerhand den Vizepräsidenten und Putschisten Gennadi Janajew zum Interims-Präsidenten.

Gorbatschow wurde in der Zwischenzeit auf der Krim festgesetzt, nachdem er sich verweigerte, Janajew seine Vollmachten zu übertragen. Trotzdem blieb der Putsch erfolglos, denn die Streitkräfte verweigerten den Putschisten ihre Gefolgschaft.
Viele Menschen demonstrierten auf den Straßen, und so kam es, dass Jelzin vor zehntausend Demonstranten mit einem Megafon auf einen Panzer kletterte, um die Rückkehr Gorbatschows zu fordern und den Umsturzversuch zu verurteilen.

Nach wenigen Tagen war der Putsch dann auch schon wieder Geschichte, und der Zerfall der Sowjetunion besiegelt. Wie erwartet erklärten nun immer mehr Unionsrepubliken ihre Unabhängigkeit – und Jelzin tat sich daran, Gorbatschow allmählich zu entmachten. Dann gründete er die Russische Förderation, und leitete sie als ihr erster Präsident. Das war übrigens am 1. Januar 1992.
Die Russische Förderation wurde nun unter Jelzin gegründet.

Jelzin trat tatsächlich als großer Reformer auf, und so begann unter ihm die Marktwirtschaft, die Privatisierung und leider auch der große Ausverkauf, denn wWas zuvor noch staatliches Eigentum im Rahmen des Sozialismus war, rissen sich nun findige Geschäftsleute und Opportunisten unter den Nagel.
Wenn sie an den richtigen Stellen saßen und gewissenlos genug waren, brauchten sie nur zuzugreifen.
Es war fast wie im Selbstbedienungsladen.

Schnell bildete sich eine Oberschicht heraus, mit unermesslich reichen Oligarchen, die plötzlich über Milliarden-Beträge verfügten, und deren Einfluss an Entscheidungsprozessen wurde immer größer wurde.

Aber den wenigen Gewinnern standen viele Verlierer gegenüber, die das Nachsehen hatten. So schellten z.B. die Verbraucherpreise in die Höhe, weil sie nun freigegeben waren, weil der Markt nun alles regeln sollte.
Die Armut wuchs – und auch der Widerstand gegen die Reformen!

Weil Jelzin bis 1993 noch gar nicht so sehr die freie Hand hatte mit seinen Reformen, wie er sich das wünschte, musste er einen weiteren Schritt machen. Bislang stand ihm noch das Parlament im Weg, gegen das er sich stets durchsetzen musste. Manchmal verweigerte es sich. So beschloss der noch tatkräftige Jelzin, diese „Doppelherrschaft“ endlich zu beenden. Er ließ am 4. Oktober 1991 das Parlamentsgebäude durch das Militär stürmen, und dann eine neue Verfassung ausarbeiten, die bis heute gültig ist. Sie definierte Russland als einen demokratischen, föderalen Rechtstaat mit republikanischer Regierungsform.
Zudem entwickelte er einen Grundrechtskatalog mit vielen Rechten, die wir auch hier in Deutschland stolz hochhalten.

Trotzdem wurde die Lebenssituation fürs russische Volk nicht wieder spürbar besser. Der Staat veräußerte weiterhin sein Eigentum, und seine Großunternehmen wurden zu Aktiengesellschaften, die in die Hände von Kapitalgruppen gerieten.
Jelzin verlor mehr und mehr an Akzeptanz.

Auch der Tschetschenienkrieg förderte Jelzin Popularität nicht gerade. Denn zehntausende Menschen mussten ihr Leben lassen, weil der russische Präsident nicht zulassen wollte, dass der ehemalige Unionsstaat Tschetschenien unabhängig wird. Er ließ sein Militär dort einmarschieren, und dann wurde es sehr blutig.
Die Oppositionsparteien gewannen allmählich an Stärke.

Als 1996 die Präsidentenwahlen anstanden, ließ sich Jelzin von Bankiers und Finanzmagnaten unterstützen, die eine große und manipulative Kampagne für ihn anstießen, und nur auf diese Weise konnte sich Jelzin weiterhin als Präsident halten. Das zeigt aber auch, dass die Interessen des Kremls mit denen der Wirtschaftsbosse längst fest verschmolzen waren.

Auch Jelzins gesundheitliche Probleme nahmen nun zu: Er erlitt mehrere Schlaganfälle und Herzinfarkte, und seine politischen Aktivitäten kamen immer wieder zum Erliegen. Mittlerweile bekam auch die Öffentlichkeit mit, dass er dem Alkohol regelrecht verfallen war.

Sein Rücktritt erfolgte dann am 31. Dezember 1999, und Putin übernahm.
…Und der widmete sich erst mal den Oligarchen, denn die hatten in seinen Augen viel zu viel Macht.
Der neue russische Präsident hielt die Zügel nun wieder ganz fest und ließ sie sich nicht mehr aus der Hand nehmen – bis heute.

Der russische Staat unter Putin hat sich also sehr verändert, aber auch der Rest der Welt, und das spätestens seit den Anschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center. Das relativ friedliche Zeitalter der 90er Jahre, mit denen das damalige Chaos in Russland verbunden war, ist heute Geschichte, und wenn wir an Jelzin denken, dann haben wir noch immer das eine oder andere vermeintlich lustige Bild im Kopf, wo er nicht ganz nüchtern und daher entsprechend fröhlich bei irgendwelchen Empfängen eine Militärkapelle am Flughafen dirigiert oder über Treppenstufen stolpert. Nie war uns unser ehemaliger Angstfeind sympathischer…

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