Freunde waren gestern

Als meine Freundin vor zwei Jahren mit mir Schluß machte, meinte sie noch, dass wir ja Freunde bleiben. Ich meinte das auch, obwohl ich sehr verletzt war. Wer lässt sich schon gern austauschen durch einen besseren – also besseren Liebhaber. Und dieser Typ war wirklich ein toller Hecht, ein Überflieger, in allen Disziplinen besser als ich – nur von der Körpergröße her kleiner, und er sächselte. Aber das tat der Sache keinen Abbruch.

Darum soll es aber hier nicht gehen.

Meine Ex und ich, wir blieben also Freunde und trafen uns weiterhin – aber ohne uns zu küssen oder miteinander zu schlafen. Das ist ja klar. Für sie war das in Ordnung so. Mir tat das endlos weh. Aber ich wollte den Scherbenhaufen zwischen uns klein halten.

Heute würde ich am liebsten in eine Zeitmaschine steigen, und mich selbst besuchen, und dann hätte ich mir doch einiges zu sagen mittlerweile, und das in energischem Ton…

Also ich würde mich am Kragen packen und rütteln und schütteln und schimpfen: „Verdammt, Mark, die Alte hat Dich abgelegt. Lass sie ziehen mit ihrem neuen Helden. Quäle Dich nicht weiter rum mit einer Sache, die durch ist. Das bringt doch nichts. Zieh‘ weiter !!!“.

Inzwischen weiß ich ja auch: Menschen geh’n und kommen, und Reisende soll man nicht aufhalten, und von einem toten Gaul steigt man besser ab.
Manchmal beginnt eben ein neues Kapitel…

Heute sind meine Ex und ich nicht mehr befreundet. Ihr neuer Typ war eifersüchtig auf mich, und sah mich als ein Störfeuer – nicht ganz zu Unrecht. So ließ mich die Gute irgendwann einfach ganz fallen, und das mit saftigen Schuldzuweisungen, um selbst sauber aus der Sache rauszukommen. Es geht doch nichts über ein reines Gewissen…

Also… sie ließ mich fallen,. und ich fiel tief.
Zum Glück hatte ich aber noch ein paar „gute“ alte Freunde um mich herum, sodass ich nicht wirklich einsam zurück blieb. Mit denen bin ich dann öfters essen gegangen. Mitgesoffen haben sie allerdings nicht. Sie vertragen Alkohol nicht mehr so gut.

Ja, diese alten Freundschaften… ich war froh, dass ich sie hatte.
Ganz früher dachte ich ja sogar, dass Liebesbeziehungen irgendwann kaputt gehen, Freundschaften aber oft für ein ganzes Leben halten.
Da war ich noch sehr naiv.

Später kam mir in den Sinn, dass man sich im Leben ja weiter entwickelt, und manchmal entwickelt man sich auseinander.
Jede Zeit, jede Entwicklungsstufe bringt neue Menschen, mit denen man sich versteht und freundschaftlich verbunden fühlt, bis es eben nicht mehr passt.

Und jetzt bin ich alt – zumindest gefühlt, und gerade hat sich wieder eine sehr gute Freundin aus meinem Leben verabschiedet, einfach so, ohne dass etwas besonderes vorgefallen ist. Na ja… ich bin in einen anderen Ort gezogen – und ich habe wieder eine Partnerin. Aber das wäre für mich kein Hinderungsgrund gewesen…
Zum ersten Mal reagiere ich aber gelassen auf den Verlust. Langsam werde ich nämlich Profi im Freunde verlieren. Wenn ich so zurückschaue, sind sie nun fast alle zurückgeblieben, und irgendwie scheint das auch seine Richtigkeit zu haben.
Ich habe mich eben weiterbewegt…

Diese sogenannten Freunde waren am Ende sowieso nicht mehr da, wenn man sie brauchte, und Unterstützung in schwierigen Momenten erfuhr ich stattdessen eher ganz überraschend von anderen Menschen aus meinem Bekanntenkreis. Man kennt das ja…

Heute freue ich mich, so als vielbeschäftigter Mensch der ich bin einfach darüber, wenn ich mal einen freien Tag für mich habe, und Zeit finde, mal ein gutes Buch zu lesen oder einfach kreativ zu sein.
Ich muss mich nicht mehr ständig mit Leuten treffen, um Freundschaften am Laufen zu halten.
Und doch habe ich gerade in jüngerer Zeit viele interessante Menschen kennengelernt, mit denen ich manchmal was unternehme. Aber sie sind eben nicht mehr die dicken Freunde von einst, an die ich Erwartungen knüpfe, was mich auch selbst entlastet.

Heute lebe ich mein Leben und mach was mir gefällt, ohne übertriebene Rücksichtnahme. Hab ja nicht mehr all zu viel Zeit, so als alter Mann, also als gefühlt alter Mann, in einer immer komplizierter werdenden Welt, die uns alle unter Stress setzt und immer mehr Druck ausübt.
Mehr und mehr verliere ich die Bereitschaft, da noch mitzuhalten.

Und meine Ex?
Vielleicht hat sie ja inzwischen auch ihren sächselnden Kleinwüchsigen wieder abgelegt, und vielleicht war der daraufhin konsequenter und weniger Dumm als ich damals, und hat ihr sofort den Rücken zugedreht. Wer weiß – aber das ist jetzt auch Jacke wie Hose, und ich weiß gar nicht, wie viele tausend Säcke Reis in China umkippen müssten, bis mich solche menschlichen Dramen noch mal so übelst aus den Socken hauen können.

Ich werde wohl wirklich langsam alt – und das ist auch gut so.