Als wir noch doppelt so viele Arbeitslose hatten…

Mit einer Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent steht Deutschland inzwischen ganz gut da im europäischen Vergleich. Das war mal anders, wenn man sich das Jahr anschaut, in dem Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, und die Dresdner Frauenkirche in neuem Glanz erstrahlte Da lag die Quote noch bei 11,7 Prozent. Mehr als fünf Millionen Menschen in diesem Land waren damals ohne Beschäftigung. So viele wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Um welches Jahr mag es sich wohl handeln…?

Die Rede ist natürlich von 2005. Da war die Mauer längst weg, die Ost und West voneinander trennte, und der Uhu wurde nicht etwa zum Klebstoff sondern zum Vogel des Jahres erklärt. Aber das nur so nebenbei. Ach ja, und wir waren da übrigens auch Papst, so titelte zumindest die BILD.Zeitung.

2005 befand sich der Sozialstaat mitten im Umbau, durch eine Agenda, die sich 2010 nannte, und die die Arbeitsmarktreform Hartz IV beinhaltete. Altkanzler Schröder hatte sie einst initiiert, und Merkel führte sie begeistert weiter.

Die Arbeitgeber konnten sich freuen, denn diese Reform bedeutet für sie die Lockerung des Kündigungsschutzes und eine Senkung der betrieblichen Lohnnebenkosten, wofür dann auf die Mitarbeiter höhere Sozialabgaben zukamen.

Auch deswegen geht wohl seit Mitte 2000 bis heute die Arbeitslosenquote kontinuierlich zurück, und es gibt nur einen Staat in Europa, der noch eine geringere Arbeitslosigkeit aufweisen kann als Deutschland, nämlich Tschechien. Griechenland und Spanien hingegen sind bei diesem Thema die Sorgenkinder im EU-Vergleich.

Natürlich darf man bei diesem guten Ergebnis hierzulande nicht die Auswüchse der Zeitarbeit und prekärer Arbeitsverhältnisse verkennen. Die Inflationsbereinigten Nettolöhne sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark gesunken, und das bei gleichzeitig steil ansteigender Produktivität. So hat Schröders Reform also durchaus seinen Preis für die Arbeitnehmer, und der Französische Staatschef Macron würde es dem Altkanzler ja gerne gleichtun mit dem Sozialabbau. Jedoch würden die streikerprobten Franzosen da wohl nicht so mitspielen.

Jedenfalls verkünden unsere Nachrichten heute stolz, dass wir hierzulande nahezu Vollbeschäftigung haben. Na ja, das mag vielleicht auf einige wenige Regionen sogar halbwegs zutreffen, aber nichts so in vielen Teilen Ostdeutschlands. So ist z.B. in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern jeder Sechste ohne Job. Dafür gibt es dort jeden Monat einen Flohmarkt, und der Marktplatz wurde saniert…

Am besten stand unser Land übrigens 1962 da. Da ließen Wirtschaftswunder und Wiederaufbau die Zahl der Arbeitslosen auf unter 100.000 schrumpfen. Das entsprach einer Quote von gerade einmal 0,4%…

 

Statistik: Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahresdurchschnitt von 1996 bis 2018 | Statista
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Links

https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_2010

https://www.wsws.org/de/articles/2005/02/alo-f01.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/160142/umfrage/arbeitslosenquote-in-den-eu-laendern/

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-08/mecklenburg-vorpommern-anklam-jugendliche-arbeitslosigkeit-afd-chancen

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/chronologie-die-entwicklung-der-arbeitslosigkeit-in-deutschland/2470524.html