Am falschen Platz

Ich bin nicht dort hin gekommen, wo ich hin sollte, und jetzt stehe ich am Geländer, blicke auf das weite Meer – und verweile. Schnell bemerke ich, ich bin nicht alleine…

Neben mir stehen andere Menschen, die auch nicht dort hin gekommen sind, wo sie hin sollten. Manche wissen ja noch nicht mal, wo sie hingehören – und nehmen daraufhin einen Schluck aus der Pulle.

Einige haben sich arrangiert, lassen sich hier den Wind um die Nase wehen, und geben sich ihrem Schicksal hin mit einem milden Lächeln.

Verzweifelt erzähle ich einem älteren Mann mit Vollbart, dass es im Leben doch wohl darum geht, die passende Seele zu finden, um mit ihr zu verschmelzen. Ich habe sie schon gefunden, und wieder verloren. Sie ist nicht geblieben.

„Dann war es nicht die richtige!“. Antwortet der bärtige Mann, der sehr weise zu sein scheint. „Und überhaupt…“, fährt er fort, „…wir mögen unseren Platz im Leben nicht gefunden haben, aber andere, die festsitzen, müssen sich möglicherweise eingestehen, dass sie auf den falschen Platz gekommen sind. Diese Menschen können dann nicht so schön auf das Meer blicken, und sich dabei frei fühlen, wie wir…“.

„Vielleicht haben sie ihre Aufgabe einfach schon erfüllt…“, lenke ich ein, „…ihre Kinder zur Welt gebracht, und äh… einen Baum gepflanzt und ein Haus gebaut, was man ja sowieso tun soll bei den niedrigen Zinsen heutzutage“.

Der alte Mann lässt nicht locker: „Oh, ok… die sind dann aber jetzt genau so durch wie wir, ärgern sich über ihre erwachsenen Kinder, die sich nur noch melden, wenn sie etwas brauchen, und streiten mit ihren Ehefrauen über die Aufgabenverteilung im Haushalt oder finanzielle Dinge.

Dann ruft mich Petra zu sich ganz ungeduldig. Sie hat genug von dem Ausblick – und Hunger. Es ist ja auch schon 17:30 Uhr. Wir treffen meinen Bruder Lars, der sich im Souvenirladen eine neue Kappe gekauft hat mit dem Wappen von Juist vorne drauf, und kehren zusammen schön ein im Hafenrestaurant.

„Glaubt ihr an die Liebe, an den einen Menschen im Leben, für den man bestimmt ist?“, frage ich so in die Runde, als Petra und Lars gerade die Speisekarte studieren. Petra blickt kurz auf: „Nö!!! – Beziehungen halten sowieso nicht!“.
Lars wirft ein: „Aber ich glaube an das leckere Essen hier!“. Petra lächelt: „Und an den Sanddorn-Likör, nachher im Hotelzimmer…“.

Na gut, heute sind wir hier am richtigen Platz. Denn wir sind zusammen, und wir genießen unseren Urlaub auf der wunderschönen Nordseeinsel Juist…