Frieden schaffen ohne Waffen?

Auch in diesem Jahr sprechen sich wieder viele Menschen im Rahmen der traditionellen Ostermärsche gegen den Krieg aus. Manche von ihnen haben auf ihren Transparenten noch immer die altbekannte Aufforderung „Frieden schaffen ohne Waffen“ stehen, und das stößt bei vielen Politikern mitunter auf harsche Kritik. Schließlich leben wir heute in einer Zeitenwende, wie jüngst unser Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag unter starkem Applaus von sich gab.

Ist dieser Slogan noch zeitgemäß? Die Forscherin Claudia Baumgart-Ochse vom Leibniz-Institut nennt ihn zumindest naiv, und Alexander Graf Lambsdorff vom Bundesvorstand der FDP hat die Teilnehmer der Ostermärsche gar als „fünfte Kolonne Wladimir Putins“ bezeichnet. Sie „spucken den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht“.

Die Ukraine, die von Russland überfallen worden ist, verteidigt schließlich auch unsere Freiheit in Westeuropa, da ist sich zumindest Selenski, der ukrainische Präsident sicher, und Ex-Oligarch Michail Chodorkowski sieht sogar weitere europäische Staaten in Gefahr. Putin könnte sich als nächstes Polen oder das Baltikum schnappen. Das wäre allerdings ein direkter Angriff auf die Nato!

Sicher sorgen auch solche Aussagen dafür, dass sich mittlerweile eine Mehrheit der Deutschen für die Lieferung von schweren Waffen in das Kriegsgebiet der Ukraine ausspricht (ARD-DeutschlandTrend), und auch unsere grüne Aussenministerin Annalena Baerbock setzt sich inzwischen dafür ein, dass wir diesen ehemaligen sowjetischen Staat schnell und effektiv aufrüsten. Es geht nun nicht mehr bloß um Panzer- und Flugabwehr-Raketen, sondern um Kampfpanzer, wie zB. den Leopard 1. Diesen könnte der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall recht schnell liefern.

Die propagierte Zeitenwende bedingt auch eine neue Rüstungspolitik. Die Bundeswehr wird wieder wichtig und muss nun schnell gestärkt werden. Auch für Deutschland gilt die militärische Abschreckung wieder als probates Mittel. Willkommen zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Wer hätte gedacht, dass uns diese überwunden geglaubten Zustände des vergangenen Jahrhunderts noch einmal einholen könnten, und sich eine solche Kriegsrethorik auch bei deutschen Politikern durchsetzt.

Im Gegensatz zum Kanzler sieht die bekannte evangelische Theologin Margot Käßmann angesichts der aktuellen Entwicklungen noch keine Zeitenwende, so grauenvoll dieser Krieg sein mag. Auch andere Kriege dauern an, wie die in Syrien und im Jemen. Käßmann: „Da verhungern gerade Millionen Menschen. Da schauen wir nur nicht hin. Wir sind auch durch Bilder gesteuert.“

Käßmann ist sich sicher: Noch mehr Rüstung, noch mehr Waffen werden nicht mehr Frieden schaffen. Sie stellt fest: “Zu den Gewinnern in der aktuellen Situation gehöre die Rüstungsindustrie. Das zeigt ein Blick auf die Aktienkurse. Die Nato ist bereits um ein mehrfaches besser gerüstet als Russland. Es ist nicht so, dass sie dringend nachrüsten müsste. Ich bleibe dabei, dass nur durch Abrüstung Frieden entsteht.“

Sollte Deutschland aufgrund seiner unheilvollen Geschichte im vergangenen Jahrhundert nicht besser eine andere Rolle einnehmen, sich für Friedensverhandlungen stark machen und vermitteln? Auch dazu äusserte sich Käßmann: „Um den Krieg zu beenden, sind Diplomatie, Sanktionen und auch Gespräche mit dem Aggressor Putin nötig. So schwer das fällt“

Immer neue Waffenlieferungen an die Ukraine werden diesen Krieg wohl eher befeuern und in die Länge ziehen, was zu immer höheren Opferzahlen, zu immer mehr Leid führt. Auch Putin wird zu immer schwererem Gerät greifen, und im schlimmsten Fall könnten das Waffen mit Atomsprengkörpern sein. Wir drehen kräftig an der Eskalationsspirale, wenn wir nicht aufpassen und Besonnenheit walten lassen.

Ist es auch unser Krieg? Sind wir bereits eine Kriegsnation? Oder anders gefragt: Ab welcher Eskalationsstufe könnte uns Putin den Krieg erklären – bzw. der Nato? Dieser Punkt ist noch nicht erreicht, und wir tasten uns da nur ganz langsam und behutsam vor. Das kann also noch gut gehen.

Dennoch, ausser Acht lassen dürfen wir nicht, dass dieser Krieg auch weltweit großen Schaden anrichtet. Er verstärkt die Hungersnöte in der Dritten Welt durch in immer größerem Umfang auftretende Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und beeinträchtigt auch zunehmend stärker die Produktion und Medikamenten.
Schon aus diesem Aspekt muss der Krieg sofort enden!

Wir wollen Frieden schaffen mit immer schwereren Waffen. Wann aber wird diese Rechnung aufgehen? Recht schnell, weil Putin nachgibt oder vielleicht erst, wenn mit diesen Waffen alles kaputtgeschossen worden ist, und einer Seite endgültig die Puste ausgeht? Das Risiko, das im weiteren Verlauf sogar noch Atomraketen zum Einsatz kommen ist durchaus vorhanden!

Als Robert Havemann und Rainer Eppelmann 1982 ihren zweiseitigen Appell „Frieden schaffen ohne Waffen“ verfassten, der fünf Punkte beinhaltet, erklärten sie darin, dass es in Europa nur noch eine Art von krieg geben kann – den Atomkrieg!. Weiter heisst es in dem Schreiben: „Die in Ost und West angehäuften Waffen werden uns nicht schützen, sondern vernichten.“, Die Forderung der Autoren , dass ganz Europa zu einer Atomwaffenfreien Zone werden muss, blieb bis heute natürlich unerfüllt, wie wir wissen.

Im rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel lagern immer noch amerikanische Nuklearwaffen, für die Deutschland Träger-Flugzeuge bereit hält, um sie zu ihren anvisierten Zielen transportieren zu können.
Wir haben also noch alles griffbereit, was wir für unseren vielbeschworenen Dritten Weltkrieg benötigen.

Lassen wir es bitte nicht so weit kommen…

Frohe Ostern!


Verweise

Leibnitz Institut, Dr. Claudia Baumgart-Ochse

Friedensdemonstrationen: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Putins“ | ZEIT ONLINE

Selenskyj im Parlament in Rom: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Freiheit“ (stol.it)

Michail Chodorkowski: Nato muss Wladimir Putin schon in der Ukraine stoppen – manager magazin (manager-magazin.de)

ARD-DeutschlandTrend: Mehrheit für Lieferung schwerer Waffen | tagesschau.de

Margot Käßmann: Krieg in der Ukraine ist keine Zeitenwende | Evangelische Friedensarbeit (evangelische-friedensarbeit.de)

Der Berliner Appell „Frieden schaffen ohne Waffen“, verfasst von Robert Havemann und Rainer Eppelmann. Seite 1 von 2 | Jugendopposition in der DDR

Neue US-Atombomben für Deutschland | Telepolis (heise.de)

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